Florian Voss
Florian Voss

Vergessene Dichter

 

Johannes Theodor Kuhlemann

 

(Geboren am 4. November 1891 in Köln. Im Weltkrieg untauglich geschrieben. Nach 1918 Journalist und Musikkritiker in Saarbrücken. Später Rückkehr nach Köln. Arbeitete dort im Tabakmuseum des Freundes Josef Feinhals-Collofino. Gestorben am 9. März 1939 in Köln.)

 

 

 

Der Auflauf

 

Im Anfang war es nur ein toter Hund,

ein krankes oder ausgetretnes Leben,

von kommender Verwesung laß und bunt.

 

Dann brach es auf wie ein zu warmer März

und ward ein Mund und spie das alles aus,

was in der Straße zuckte wie ein Herz

und irre Wellen schlug von Haus zu Haus

und schrie und tausend bange Köpfe hatte,

die trunken auf der Oberfläche schwammen,

und Leiber ohne Früchte, hungersatte,

und Hände, blau wie atemlose Flammen,

ein Herz, das flattert und sich bäumt und birst.

 

Und in der Häuser tiefen Augenhöhlen,

emporgespritzt zu ihrem steilsten First

sind Köpfe, Leiber, Tropfen aus der Flut,

und hängen über in das faule Leben,

das unten stirbt in seinem welken Blut.

 

Und allen sammelt sich im Blut der Schrei,

und alle Leiber brechen auf und gröhlen

und wollen ihren Schrei dem Himmel geben ––

 

und selbst der Himmel ist kein Trost dabei.

 

(1913)

 

 

 

Fabrikstraße

 

Daß deinem Blut ein Weggenosse sei,

durch jene schwarzen Straßen dich zu leiten,

wo sich die Dämpfe der Fabriken breiten,

der Hämmer Pulsen und der Pfeifen Schrei.

 

Ein düster Heer in langer kalter Reih,

beschauen Schlote dich von beiden Seiten,

und wie Verbrecher durch die Wachen schreiten,

gehst du vorüber, stumm und vogelfrei.

 

Da träum ich oft: Es müssen Menschen kommen,

die diese Straßen wie ein Glück durchwaten,

die neuen Starken und die neuen Frommen,

 

die nur die Hände sind zu ihren Taten

und ohne Grauen wirken in der Nacht,

die uns zu atemlosen Blinden macht.

 

(1913)

 

 

 

Der Tod in der Transmission

 

Gemeine Uhren weisen nie auf Tod.

Doch die Fabrik regiert und treibt und sieht

gar manches Leben, das zu klein geriet.

Denn eine Stunde läuft sich heiß und droht.

 

Fühlt sie wohl der wie Hunger oder Not,

den sie am Riemen rasend aufwärts zieht,

bis er gekreiselt um die Achse flieht

und hohl und hohler wird. Der Saal wird rot,

 

von seinem Ende voll die leere Luft.

Da schießt er splitternd wie ein morscher Stein

durchs Fenster in den Straßentag hinein,

 

wälzt sich im Licht und stöhnt um seine Gruft,

beschrien von einer Zeit, die lachend kreist,

indes um seinen Kopf die Welt vereist.

 

(1913)

 

 

 

Vorstadt

 

Ich will im Regen gehen

auf dampfendem Asphalt.

Ich will ins Dunkel sehen:

Die Nacht ist blind und alt.

 

In heißen schwarzen Räumen

vergrabne Augen ruhn.

Verkrampfte Hände träumen

und haben nichts zu tun,

 

und hohe Häuser gären,

und lange Straßen schrein.

Sie sollen schwer gebären

und tote Mütter sein.

 

(1913)

 

 

 

Der Sonntag

 

Mit Wachsgesichtern schauen Häuser her

aus Sterbeaugen ohne Blick und Tränen.

Die Lider und die langen Lippen gähnen,

und Duft und Lächeln sanken in ein Meer

 

von heißem Staub und schalem jungen Wein,

das alles Feste, Dunkle überlebte,

Gewölbtes fraß, das Bunte bleich verklebte,

das Volle zwang, geschwächt und schmal zu sein.

 

Vom höchsten Schlote aber hing die satte,

gestorbne Sonne drüber, groß und nah,

und fürchtete nicht mehr, was dort geschah.

 

So war mir als ich eure Straßen sah,

da sie der Sonntag ausgerottet hatte

bis auf die hohle Zeit. Sonst war nichts da.

 

(1913)

 

 

 

Straßenbahn am Abend

 

Wir schleppen ein Schwall von Lärm und Licht,

durch eure Straßen, die in Nacht verbluten,

wo sich der Strom der eifernden Minuten

an unsres Lebens raschem Kiele bricht.

 

Nah, doch unendlich ferne dem Gesicht,

die Reihen eurer kleinen Lichter glimmen,

und unser Lärmen blendet eure Stimmen

und macht euch leise, fast als wärt ihr nicht.

 

Doch hinter uns fällt unser Weg ins Leere,

das eure Straßen schwärzt, entstellt, verdreht,

in euren Nischen lange stille steht,

 

unwirklich wie die Lichter, Beer an Beere,

die sich zuletzt, wie Hände im Gebet,

vereinen, wo der Raum zu Ende geht.

 

(1913)

 

 

 

Der Einsturz

 

Als auf die Badenden die Wölbung fiel

und eines Menschen Haupt und Hirn zerbrach,

da war es nichts als Tod und Schreck und Schmach,

und viele flohen springend wie beim Spiel

 

mit Bällen aus dem Becken ohne Ziel

und schauderten vor ihm, der nicht mehr sprach,

ausblutend unter Schutt und Wasser lag,

mit seinem Leibe sperrend das Ventil,

 

daß über ihm sich staute Flut auf Flut,

bis man den weichen Leib nach oben bog

mit langen Haken, und das Wasser sank.

 

Und die sich neigten in den leeren Trog,

sahn ihn, am Leibe weiß, das Haar voll Blut,

stumm wie ein Schiff, das fern im Meer ertrank.

 

(1913)

 

 

 

Ein junges Mädchen stirbt im Hospital

 

In meinem Bette flieg ich durch den Raum.

Schneewälder wiegen mich in neuen Düften.

Noch sengen Erdenfeuer in den Lüften

der letzten Berge schwer in meinem Traum.

 

Noch bin ich weich vor Schmerz. Hier ist der Saum.

Im Tale brechen leise meine Hüften

und sehnen sich zu ruhn in jungen Grüften,

gebadet und gesalbt. Ich weine kaum

 

und sinke. Menschen stehn um mich gehäuft,

verliebte, fremd, beladen mit Gerüchen,

Tabak und Blumen aus der alten Welt.

 

Und Dinge klirren wie verlornes Geld

im Saal, aus dessen bunten Bibelsprüchen

zum letztenmal Gespräch und Liebe träuft.

 

(1913)

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© Florian Voss