Florian Voss
Florian Voss

Schläfer im Randbereich

Auszug aus dem unveröffentlichten

Manuskript

 

 

1. Kapitel

 

Sie hatte zu Gott gefunden und sah jetzt aus wie ein Flittchen.

Vom Bildschirm meines Notebooks lächelte sie mir mit gebleichten Zähnen entgegen, ihre seinerzeit kleinen Brüste waren von einer roten Lack-Corsage bis fast unter ihr Kinn gedrückt. Über ihren pechschwarz gefärbten Haaren leuchtete in großen Lettern ihr neuer Name: Clara Bones, Actress.

Keine Falte war in ihren Augenwinkeln zu erkennen, obwohl zwanzig Jahre vergangen waren. Wunderwerk der Bildbearbeitung. Caro war ein Wunderwerk der Bildbearbeitung und des schlechten Geschmacks geworden. Sie schwebte auf meinem Bildschirm wie ein missglücktes Heiligenbildchen.

Ich konnte mich noch gut an unser zweites Treffen erinnern, das erste verschwamm in Nebeln.

Ich stand in der Kreuzberger Hinterhofwohnung meines Bruders, und sie stand neben mir, eine neue Freundin mit haselnussbraunen Haaren und hellgrünen Augen, die mir mit dem Zeigefinger über die Lippen strich und dabei ein bisschen vulgär lächelte.

 

Ich hatte Caro drei Wochen zuvor auf einem Fest in der Provinzstadt kennen gelernt, auf einem Fest, zu dem ich mit meiner Provinzfreundin gegangen war, die vermutlich noch immer meine Provinzfreundin gewesen sein würde, hätte mein Bruder Jonathan nicht angerufen, einige Tage später.

Hier war ich also, in der mehr als zwielichtigen Wohnung meines Bruders, der sich zur Zeit in Leningrad durchschlug und vor seiner Abreise nicht sauber gemacht hatte.

Die diesige Mondlicht wurde von den gegenüber liegenden Fenstern in die Parterre-Wohnung gespiegelt, ein diffuses, langsam ausdünnendes Licht, das einen kalten Heiligenschein um Caros Kopf zeichnete.

- Stickig hier, sagte Caro und öffnete die Fensterflügel.

- Liegt am Ofen, sagte ich, ist nicht ganz dicht.

- Mach mal weniger Licht, wisperte sie und lehnte sich halb aus dem Fenster.

Ich knipste die 40-Watt-Lampe aus und sah im Mondlicht wie Caro den Rock hochzog.

- Komm doch rüber, sagte sie sehr leise.

Ich beugte mich über ihre Schulter und zog meinen Reißverschluss runter. Der Anhänger ihrer Halskette war nach hinten verrutscht, und ein goldener Christus starrte an mir vorbei ins Leere. Aus weiter Ferne, von jenseits des brachliegenden Todesstreifens, hörte man vage etwas wie einen ABC-Alarm.

- Die können uns doch sehen, flüsterte ich.

- Quatsch, sagte sie und schob mir ihren Hintern entgegen.

Der sah unglaublich weiß aus, sehr rund und sehr weiß.

- Fester, nur immer feste rein, stieß sie kichernd hervor.

Ich glitt vor und zurück. Die Sträucher im Hinterhof bogen sich im Abendwind vor und zurück. Caro presste sich an mich und pumpte, bis ich leer war.

- Gut, stöhnte sie.

- Ja, sagte ich und biss ihr in den Nacken.

Caro machte sich los, drehte sich zu mir und lächelte.

- Du hast doch bestimmt Zigaretten im Haus?

Ich schaute mich im Halbdunkel um und schüttelte den Kopf.

- Ich glaub nicht. Meine letzten haben wir vorhin geraucht. Aber Jonathan hat irgendwo einen Rest Tabak vergessen. Gauloises, wenn du das rauchst?

- Zur Not, sagte Caro.

Sie nahm sich ein T-Shirt und trocknete sich zwischen den Beinen ab. Ich ging in die Küche, die zur Hälfte mit Pfandflaschen voll gestellt war, und fischte den dünnen Tabaksbeutel zwischen zwei Töpfen hervor, die auf dem Küchentisch standen und Schimmel wie überkochenden Brei produzierten. Märchenhaft.

 

Ich starrte wieder auf Caros Abbild auf dem Monitor. Wie konnte man so jung bleiben? – Wahrscheinlich nur als Kunstfigur.

Nach unserer gemeinsamen Zeit in Berlin war sie nach Hessen gegangen, nach Frankfurt, oder vielmehr in eine große, leere Wohnung war sie gegangen, in der sie mit ihrem neuen, leichenblassen und riesengroßen Liebhaber wohnte, und die beide kaum verließen.

Ich hatte sie dort ein einziges Mal besucht, Jahre nach unserer letzten Begegnung im Zonenrandbereich. Ihr Freund war zwar dürr, stopfte aber den ganzen Tag Nudeln mit Tomatensoße in sich hinein. Ihre Küchenschränke waren gefüllt mit Spaghetti, Makkaroni und Linguini. In allen Räumen hing ein Geruch von Tomatenmark und Geschmacksverstärkern. Caro sah zu der Zeit noch wie Caro aus, etwas dunkelhaariger vielleicht, aber mit gottgegebenen Brüsten. Im Wohnzimmer war eine alte Musiktruhe zu einem Madonnenaltar umfunktioniert worden. Immer wenn sie vorbeiging, strich sie der Madonna über den blau verschleierten Kopf und murmelte „Gebenedeit seist du unter den Frauen“. Und sie lächelte kein einziges Mal dabei.

Ich fühlte mich völlig fehl am Platz, in dieser Jugendstil-Absteige, in der die Vorhänge immer zugezogen waren, und in der auch zur Mittagsstunde nur spärliches Licht fiel. Caros Augen leuchteten dann im Halbdunkeln.

Während der zwei Tage meines Aufenthalts schlurfte sie in dem viel zu großen Bademantel ihres Freundes durch die riesigen, kaum eingerichteten Räume und sprach davon, dass sie nach Hollywood gehen wolle. Auch hierbei lächelte sie kein einziges Mal. Ich hörte kaum zu und starrte auf den Ansatz ihrer Brüste, den der Bademantel ihres Freundes frei gab. Den störte das nicht, der saß bei einer großen Schüssel Nudeln in der Küche.

Jahre später schrieb sie mir in eine Postkarte, dass sie endlich in Hollywood sei, oder vielmehr in einem Suburb von Los Angeles, das nahe bei Hollywood lag. Sie schrieb von ihrem neuen Friseur, der ihr nicht nur die Haare, sondern auch die Augenbrauen färbte, 200 Dollar pro Sitzung nahm, und bei dem sich auch Nicole Kidman Haare und Brauen machen ließ. Von ihren vergrößerten Brüsten schrieb sie nicht.

Ich starrte sie wieder auf dem Bildschirm an, diese Hollywood-Schönheit, die, ihrer Vita nach zu urteilen, fünf Jahre jünger war als ursprünglich und wieder in Deutschland lebte, in Bergheim bei Köln, wo es vermutlich keinen 200-Dollar-Friseur gab. Nur Eltern, die alt geworden waren und sich über ihre junggebliebene Tochter wunderten, der manchmal ein so greisenhaftes Flackern in den Augen lag.

Caro war kaum zwanzig Jahre alt gewesen, als wir uns zum ersten Mal begegneten, in einer dickflüssigen Sommernacht, in der der Himmel glühte – eine Herdplatte, die langsam auskühlte und einen schwachen rötlichen Schein von sich gab.

 

Ich war mit meiner Freundin auf einer Party gestrandet, in einer Gartenhauswohnung die vollständig weiß gestrichen war, selbst die Bodendielen waren lackiert in der Farbe von alten Kühlschränken, ebenso die Möbel. Es spielte eine Band im Innenhof die ich kannte, und die meine Freundin nicht mochte. Der Frontmann war schon am frühen Abend beinahe von der improvisierten Bühne gekippt. Jetzt war es kurz vor zwölf, und er konnte sich kaum aufrecht halten. Er starrte in die Dunkelheit über dem Dachfirst, wankte nahezu bewusstlos hin und her und nuschelte einen Song in das Mikro, während die Band hinter ihm stoisch versuchte Takt und Melodie zu halten. Der Sänger murmelte: „I´m so alone“, und der Gitarrist ließ einen Akkord krachen.

Ich schaute durch die große Glasfront in die Gartenhauswohnung, in der meine Freundin in einem verschneiten Ohrensessel saß und sich mit der Gastgeberin unterhielt, einer langen dünnen Kunststudentin mit weiß gebleichter Bienenkorbfrisur und einem Cocktailkleid aus glitzernden, hellblauen Pailletten.

Jemand beugte sich zu mir und raunte:

- Der ist aber besoffen.

Ich schaute zur Seite und blickte in die leuchtenden Augen eines Mädchens, das mich herausfordernd angrinste und mir ihre großen, gerundeten Zähne zeigte.

- Äh, ja, sagte ich.

- Hoffentlich kippt er nicht um und bricht sich was. Ich meine, das ist ja bereits eine beschissene Party.

- Findest du, fragte ich zweifelnd.

Mir fiel nichts Besseres ein, ich hatte zu viel getrunken. Wenn das Mädchen sich zu nah zu mir hin beugte, sah ich vier leuchtend grüne Augen.

- Caro, sagte sie und streckte mir ihre Hand hin.

- Freut mich, freut mich wirklich, erwiderte ich dümmlich. Ich heiß Felix.

Meine Zunge kam mir ungewöhnlich schwer vor, und ich konnte nicht genau heraus hören, ob ich schon lallte, weil meine Ohren summten.

- Ich bin auf Besuch hier, sagte sie, ich logiere bei einer Freundin. Die ist auf der Akademie.

- Welche Akademie?

- Kunstakademie, Provinzakademie. Wie auch immer.

- Wo kommst du denn her, fragte ich.

- Im Moment aus Berlin, sagte sie.

- Da wäre ich auch gerne.

- Na, hier ist es doch, wie soll ich mich ausdrücken, auch ganz schön, sagte sie mit einer Miene zwischen Grinsen und Grimasse.

Jetzt stolperte der Sänger doch noch und legte sich flach auf die Bühne. Der Gitarrist ging zum Mikro und sang weiter. Er hatte eine bessere Stimme und einen hasserfüllten Gesichtsausdruck.

- Noch was zu trinken, fragte ich.

- Klar, sagte Caro.

Ich drehte mich um und ging zur offenen Gartentür der weißen Wohnung. Meine Freundin stand dicht hinter der Fensterfront und starrte mich an. Ihr Blick war kein freundlicher.

Drinnen überwältigte mich dieser Innenarchitekten-Traum von einem Eisprinzessinnen-Apartment. Alles war zu grell; das einzig Schwarze waren die Anzüge und Kleider einiger Gäste, die Sonnenbrillen und gefärbten Haare. Nur meine Freundin stand in Jeans und gelbem T-Shirt da und zischte mich an:

- Wer ist das denn? Die da draußen.

- Die kenn ich doch gar nicht, stammelte ich.

- Na, so sah das aber nicht aus, spuckte sie hervor und rauschte in eines der Nebenzimmer.

Ich holte zwei Glas Wein aus der Küche und suchte meinen Weg zurück durch die Schneehölle. Aus einem Kassettenrekorder war leise ein Song von den B-52s zu hören. Die Gastgeberin stand an der Spüle und kotzte, ihre Bienenkorbfrisur war völlig derangiert.

Wieder im Hof angekommen, nahm ich all meinen Mut zusammen, und legte meinen Arm um Caros Schulter. Was mach´ ich denn da, dachte ich vage. Und ich wollte sie küssen, besser jetzt als später.

Später ließ sie sich auch das gefallen, hinter den Mülltonnen am anderen Ende des Hofes. Ihre Lippen hatten eine kühle, seidige Oberfläche, und ihr Haar lag schwer und glatt in meinen Händen. Ihre Zunge war ein träges Reptil, ihre Hände zwei riesige Insekten auf meinen Schulterblättern. Dann löste sie sich und blickte mich erstaunt an.

- Oh, oh, das war aber gar nicht geplant.

- Wer braucht denn Pläne, erwiderte ich mit schwerer Zunge, wir sind doch nicht im Krieg.

- Ich muss jetzt gehen, sagte sie, ich fahre morgen früh nach Berlin zurück.

- Jetzt schon?

- Ich muss um fünf Uhr raus.

- Das ist früh, sagte ich dümmlich.

Sie küsste mir die Hand und zauberte einen Kugelschreiber aus irgendeiner Falte ihres Sommerkleides, das für Ende September viel zu dünn schien. Damit schrieb sie mir eine Berliner Telefonnummer auf den Unterarm.

- Falls du mich wieder sehen willst.

- Lieber heute als morgen, sagte ich.

Dann ging sie. Dann fiel auch der Gitarrist um.

Und ich bleib alleine im Hof zurück. Meine Freundin sah ich in dieser Nacht nicht wieder.

 

Ich klickte einen Link neben Caros Gesicht an, und es öffnete sich ein kleines Fenster für E-Mails. Ich löste meine Hemmungen in einem weiteren Glas Wodka, und begann zu schreiben: „Clara, Clarissa, Caro“, schrieb ich, „was machst du so in Hollywood oder Bergheim? – Ich hab an dich gedacht. Was ist das nur für ein Bild von dir? Du siehst geradezu unsterblich aus!“

Ich zögerte und schrieb dann meinen Namen unter die Zeilen, zögerte erneut und tippte einen letzten Satz, der sich auf dem Bildschirm langsam zusammen fügte:

„Ist Gott noch bei dir?“

 

Als ich der vorletzte Gast auf der weißen Party war, besann ich mich eines Besseren und schwankte hinaus. Schwer angeschlagen ging ich durch die Provinznacht, bis oben hin angefüllt mit Alkohol und undeutlichen Gefühlen, aber immerhin mit einem Hauch auf den Lippen, den ich heute Nacht allenfalls mit mehr Wein abwaschen würde.

Die Fenster in dem Haus, in dem ich mit meinen Eltern wohnte, waren dunkel, nur eines im zweiten Stockwerk war schwach erleuchtet. Das war das Schlafzimmerfenster. Vermutlich hatten sie Sex. Ich wollte das nur ungern hören, aber ich war zu müde, um noch eine Runde um den Block zu gehen, also schlurfte ich die Treppen hoch und konnte schon auf dem Absatz vor unserer Wohnungstür meine Eltern streiten hören. Also doch kein Sex. Aber leiser schien es auch nicht zu sein. Ich schloss vorsichtig die Tür auf und schlich durch die Diele. Meine Mutter kam gerade richtig in Fahrt.

- Ich lass mir von dir doch nicht mein Leben kaputt machen. Alles was du kannst, ist dich besaufen und an die Decke starren.

Mein Vater protestierte matt, seine Zunge schien wie meine schon schwer zu sein. Er brachte es nicht mehr fertig laut zu werden. Der Alkohol machte ihn milde, oder zumindest träge. Meine Mutter aber ging eine Oktave höher.

- Das macht keinen Spaß mehr. Nie gehst du mit mir aus. Nie unternehmen wir was zusammen. Immer sitzt du nur da und liest den Spiegel.

Ich schloss sehr vorsichtig meine Zimmertür und zog mich im Dunkeln aus. Ich hätte zum Einschlafen noch gerne Musik gehört, aber ich wollte die Erziehungsberechtigten nicht auf mich aufmerksam machen.

 

Nachdem ich am Morgen geduscht hatte, schlich ich in die Küche, in der meine Eltern schon am Tisch saßen und trübe in ihre Kaffeetassen blinzelten. Mein Vater war unrasiert und sah aus, als wäre er gestern auch auf einem Fest gewesen, einem von der schlechten Sorte. Meine Mutter hatte sich ihre Haare frisch blondiert und ein Gesicht aus dem Kleiderschrank hervorgezaubert, dass meinen Vater noch verkaterter ausschauen ließ.

- ´Morgen, sagte ich.

Meine Mutter zerhackte eine Tomate mit ihrem Messer.

- Spät geworden?

- Naja, sagte ich, hier ja wohl auch.

Mein Vater blickte von seinem Leberwurstbrot auf.

- Deine Mutter will einfach nicht einsehen, dass für solche Sperenzchen nicht genug Geld auf dem Konto ist.

- Was für Sperenzchen, fragte ich und ging zum Kühlschrank.

- Ach, dein Vater übertreibt maßlos.

Ich schaute mich im Kühlschrank um, die Milch schien alle zu sein.

- Keine Milch mehr?
- Siehst du, sagte mein Vater, für alles hat sie Geld, aber Milch kauft sie keine ein.

- Kauf doch selber Milch, sagte meine Mutter gereizt.

Es war nicht ganz klar, an wen das gerichtet war. Mein Vater räusperte sich und schmierte sich einen großen Batzen Teewurst auf eine weitere Brotscheibe.

- Sie hat schon mehr als 2000 Mark ausgegeben, in nicht mal einer Woche. Für Schnickschnack, für nichts als Unsinn.

- Ach, sagte meine Mutter verächtlich, Kleinigkeiten.

- Das hat mit ihrer Krankheit zu tun, sagte mein Vater.

- Ist doch gar nicht wahr, keifte meine Mutter.

Ich verließ die Küche, ich wollte das nicht mehr hören, diesen Streit und diese Verlogenheit. D i e K r a n k h e i t – als wäre es etwas, das man sich in der Straßenbahn einfing, oder auf dem Klo. Mein Vater traute sich nicht auszusprechen, dass meine Mutter schon seit Jahrzehnten depressive Schübe hatte. Manische Schübe allerdings waren neu, das schien sich geändert zu haben; ich hatte meine Mutter niemals zuvor so gehetzt gesehen, und zugleich so in sich ruhend. Es kam mir vor, als hätte sie in den letzten Wochen den Kern ihres Wesens gefunden. Und dieser Kern wollte Schmuck und schöne Kleider, kistenweise.

Ich ging durch die Diele, als das Telefon klingelte. Ich hob widerwillig den Hörer ab. Jonathan meldete sich am anderen Ende. Mein provinzflüchtiger Bruder, der kaum noch anrief und wenn, dann nur um mit unserer Mutter zu sprechen.

- Ich hol Mama, sagte ich.

- Wart mal, Felix, ich wollte eigentlich mit dir reden.

- Oh, sagte ich, das ist ja verblüffend.

Jonathan lachte und steckte sich eine Zigarette an, wie ich hören konnte. Ich steckte mir ebenfalls eine in den Mundwinkel und kramte nach meinem Feuerzeug.

- Sag mal, Felix, du wolltest doch schon immer nach Berlin, oder?

Ich wusste zwar nicht, worauf er hinaus wollte, presste aber trotzdem ein zustimmendes Geräusch durch den Mundwinkel, in dem nicht die Zigarette steckte.

- Also, sagte Jonathan, das ist der Vorschlag: ich fahre für ein halbes Jahr nach Leningrad, vielleicht auch für ein ganzes, und du kannst in der Zeit meine Wohnung haben, wenn du willst.

- Na klar will ich. Aber das ist jetzt blöd. Ich hab hier ja noch ein paar Sachen zu tun.

- Schlecht, sagte Jonathan, ich fahr Ende der Woche.

- Ach du Scheiße, sagte ich. Bis wann muss ich mich denn entschieden haben?

- In den nächsten zwei Tagen.

- Meine Güte! So schnell geht das doch nicht. Das ist viel zu schnell.

- Anders lässt es sich nicht machen, sagte Jonathan. Wenn du die Wohnung nicht haben willst, brauch ich ein, zwei Tage, um einen anderen Untermieter aufzutreiben.

- Also gut, ich glaub schon, ich muss noch kurz drüber nachdenken. Ich melde mich dann übermorgen.

- Fein, sagte Jonathan, wir telefonieren.

 

Am nächsten Morgen hatte ich mich entschieden und rief die Mitfahrzentrale an. Dann wählte ich Jonathans Nummer. Als er sich meldete, hörte er sich verschlafen an.

- Jonathan, rief ich in den Hörer, ich bin übermorgen Abend in Berlin. Um etwa sechs Uhr bin ich bei dir. Klasse, oder?

- Das ging schnell, sagte Jonathan gähnend, aber so ist es richtig.

Am Abend packte ich meinen Koffer. Meine Mutter war nicht begeistert und schaute mir mit geröteten Augen zu, es sah aus, als hätte sie geweint. Adieu, manischer Schub, es war schön mit dir, schade, das du nicht bleiben konntest, bis ich im Wagen nach Berlin sitze.

Mein Vater hingegen, der im Halbdunkeln der Diele stand, bekam von Minute zu Minute bessere Laune. Er hatte mir schon mehr als zwei Jahre in den Ohren gelegen, dass ich verdammt noch mal jetzt volljährig sei und endlich auf eigenen Beinen stehen könne, seinetwegen auch auf eigenen Händen. Das hielt er für ein lustiges Bonmot, trug es aber vor wie eine Strafandrohung.

Jetzt konnte ich ihm seinen Herzenswunsch erfüllen, und verbrachte den vorletzten Abend in der Provinz damit, die wirklich wichtigen Dinge auszuwählen, die mit mir nach Berlin kommen sollten. Ich legte meinen silberner Radiorekorder in einen alten Koffer meiner Mutter, der ein verblichenes Karomuster hatte, und Kassetten mit Musik von Tuxedomoon, Gunclub und Erik Satie, eine schwarze Schlaghose und ein neongelbes Hemd mit großem Kragen, eine Weste aus den 20er Jahren und Schnabelschuhe aus den 60ern, Gedichtbände von Trakl, Benn und Rimbaud, die grüne Sonnenbrille, die ich meinem Vater entwendet hatte, und einen kleinen Klumpen Haschisch, der mir von Jesse zu meinem zwanzigsten Geburtstag geschenkt worden war.

Dann rief ich meine Gang an, um sie am nächsten Abend auf ein vorerst letztes Mal zu treffen. Wir verabredeten uns zu Bier und ein paar Tüten bei Fabian, der in einem Vorort bei seinen Eltern eine eigene Höhle unterm Dach hatte.

Der letzte Absturz in der Provinz, dachte ich, dann geht es nach Berlin. – Ich ging mit dem beruhigenden Gefühl ins Bett, endlich eine Verabredung mit dem Leben zu haben.

 

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