Florian Voss
Florian Voss

Die Steppe hinter West-Berlin

Auszug aus dem unveröffentlichten

Manuskript

 

 

1. Teil: Diesseits

 

 

Ich schlufte durch einen Weltkrieg. Und der Weltkrieg war ganz leise.

 

Das sterbende Fleisch stand neben mir in der Fußgängerzone, dem Kasernenhof der zweiten Belle Epoque, Zeitalter von Atari und anhaltender Verblödung. Die Nerven zuckten zwar noch, und das Blut pulsierte durch das Fleisch, das an die kalten Knochen geklebt war, aber es starb. Es stirbt schon seit dem Zeitpunkt, als es aus der Mutter hervor gepresst wurde.

Hier bin ich, ein verkrümmtes Ding, fast noch ein Embryo, das mehr nach Leiche, denn nach Neugeborenem aussieht. Schlingel, denke ich, über mich erhoben, du hast dich dann doch ganz gut herausgeschlungen.

Ich wurde geboren, Ende des grausamen Monats April im Jahre des Herrn 1959. Eine Nachkriegszeit war das, mit schrundigen Männern, armlos, vor schrundigen Fassaden, vermutlich mit weggeschossenen Testikeln und ausgehöhltem Gehirn, so dass nur noch die klickende Großhirnrinde unter dem Knochendach schaltete und genaue Berechnungen anstellte, über die Umgebung der nagelneuen Fußgängerzone – mit Blumenkübeln aus Waschbeton, mit verkümmertem Grünzeug – die also ausrechneten, wo in diesem Fußgängerzonen-Karopapier die übelsten Torpedotreffer gelandet werden könnten. Treffer! Hurra, da spritz das Kleinkind, da zerstäubt der bärtige Beatnik-Fleischklops. Verdunkelung.

 

Ende April. Auf dem Bahnhof der Kleinstadt ging ein Reisender in das öffentliche Pissoir. Die Luft lag in kühlen, diesigen Schichten im Waschraum, und in der Rinne, ausgekleidet mit hellblauen Kacheln, schwammen die Urinsteine. Gelb. Er schüttelte ab, knöpfte die Hose zu und machte sich auf den Weg in das Krankenhaus, in dem seine Frau ein Kind gebar. Verängstigt und mit fahlem Gesicht. Die Neurotransmitter bereiteten bereits eine ausgewachsene, eine geradezu volljährige postnatale Depression vor.

Ende April. Der Lebende, der ich sein würde, wurde hervor gepresst. Meine Mutter war betäubt von dem Schmerz, und das sollte sie auch noch lange bleiben. Der Kreissaal war weiß; lackierte Stahlrohre und Kacheln. Und unter dem hellen Licht zwei gespreizte Beine, ein keuchender Mund, und ich, ein Enfant, wenn auch kein Infant, bedeckt mit dem, was aus dem Menschen kommt. Aber mit Atem. Aber mit Atem. Und entlassen aus einer Festung, und geworfen in den Krieg. Dabei war alles so friedlich.

Die Ärzte nahmen wenig später einen Kaffee zu sich, der eine oder andere warf eine Benzedrin hinterher, denn es gab ein Arzneimittel-Schränkchen in der Klinik, und es war ja noch späteste Nachkriegszeit, all die Weißkittel hatten die Fliegerschokolade gut gekannt, oft gegessen, stets verschlungen vor ihrem Einsatz im Sturzkampfbomber. Und so lehnten sie sich jetzt auch in das Leben, angeheizt von Benzedrin und dem Skalpell in ihren Händen. Die Ärzte hielten sich wach, und die Schwestern warteten, dass die Ärzte über sie rutschten. Und die Mutter war betäubt. Kein schöner Anblick, das ganze weiße und weiche Fleisch, völlig ausgelaugt und überdehnt vom Gebären, und die Augen trübe und blöde, und der Schoß eine einzige Verwüstung. Aber zugleich war es friedlich und still. Wie in einer heiligen Nacht. Wobei ich nicht sagen will, dass da irgend etwas gewesen wäre, was darauf hingedeutet hätte, dass mein Vater nicht von dieser Welt gewesen sei. – Mein Vater hatte zu tun, aber auf diesem Planeten, er machte in unzerreißbaren Damenstrümpfen. Ich lernte ihn erst später kennen. Wenn auch nur an manchen Wochenendtagen, wenn er nach zwei, drei Feierabendbieren oder Schnäpsen, oder beidem, sich über den Bahnhofsvorplatz schlich, eine leicht wankende, trübgelebte Gestalt, die aus der Provinz angereist kam, nach Tagen voller Damen und Damenstrümpfen, und nach wenigen Verkäufen, denn die Frauen in den Provinzen warteten auf den Staubsauger-Vertreter.

Unverständlicherweise war ich dann immer von der Vorfreude ganz aufgeregt, wurde zu einem Nervenbündel, das mit wirrem Kopf und pulsierenden Schlagadern auf das Öffnen der Wohnungstür wartete. Kaum zu glauben war diese, meine Vorfreude, denn in der Charlottenburger Drei-Zimmer-Wohnung mit Puffblick am Stuttgarter Platz schlief er größtenteils seinen mittelschweren Rausch aus oder verkloppte ein bisschen meine Mutter, wenn er nicht gerade das Bedürfnis hatte, ein Kind zu machen, das später dann ich wurde, dem aber ansonsten keines folgte, was er mehr zu bedauern schien als meine Mutter, die lieber in der Küche als im Schlafgemach ausharrte, zu säuselnden Schlagermusik aus dem noch nicht abbezahlten Telefunken-Radio. Aber er tauchte ja nur selten auf, höchstens einmal die Woche, manchmal auch nur an jedem zweiten Wochenende, wenn die Verkäufe in den ersten sieben Tagen nicht lukrativ genug gewesen waren.

Später würde er, kurz nachdem ich acht Jahre alt geworden war, gar nicht mehr auftauchen. Er hatte, nach einer ausgedehnten Zechtour mit zwei anderen Männern, die er seine Freunde nannte, von der Brücke am S-Bahnhof Charlottenburg gepieselt, auf die im nächtlichen Dunkel nur schwer erkennbare Starkstromleitung der Fernbahn, und war am frühen Morgen von einem ebenfalls bezechten Passanten entdeckt worden, nass vom morgendlichen Tau, mit verkohltem Geschlechtsteil und starrem, verwunderten Blick, der sich im Moment des Ablebens in seine Augen eingebrannt hatte.

Nachdem er unter der Erde war, was verblüffend schnell vonstatten ging, begann die allergrößte Umstellung für meine Mutter, denn sie hatte von jetzt an nur noch eine recht karge Witwenrente zur Verfügung, die uns zwang aus der halbbürgerlichen Drei-Zimmer- in eine schäbige Zwei-Zimmer-Wohnung zu ziehen. Von Charlottenburg nach Neukölln verschlug es uns nur ganze sieben Wochen nach der Grablegung des Vaters, und das verzieh meine Mutter diesem Toten nie, obwohl sie ja zuvor ihm so einiges verziehen hatte. Sie hatte letztendlich eine engere Beziehung zu ihm gehabt als ich, so vermutete ich jedenfalls, trotzdem vermisste ich ihn mehr, wenn auch nicht übermäßig.

Meine Mutter erzählte mir natürlich nichts von seinem verbrannten Geschlechtsteil, und so konnte ich mich weiterhin als Teil eines Geschlechts empfinden, das zu einer Art von fahrender Ritterschaft gehörte, zu einem Kreis von Landstraßen- und Fernbahnrittern, die Seidenstrümpfe und Luxusartikel mit roter Spitze feil boten. Er war ein Ritter, und er war gefallen auf dem Schlachtfeld der Arbeit, denn meine Mutter hatte mir mit geduldiger Stimme erklärt, dass der Vater bei einem Zugunglück ums Leben gekommen sei, und in entfernterem Sinne stimmte das sogar.

Acht Jahre zuvor war er ja auch, wie ein braver Soldat auf Heimaturlaub, dem Kreissaal entgegen geeilt, wenn auch reichlich verspätet. Ich konnte diese Straße natürlich nicht sehen, weil ich schreiend in einem gläsernen Brutkasten, einem Schneewittchensarg lag, vorsorglich zwar nur, denn ich war gerade einmal zwei Wochen zu früh auf die Welt gekommen, aber ich konnte mir die Straße vorstellen, diese Schanze durch unübersichtliches Kriegsgebiet.

Es marschierten die Soldaten. In den Gassen gab es keinen Winkel, wo sich ein Neugeborenes hätte verstecken können. Die Soldaten hatten Hackfressen, Hanswurste waren sie, und gingen ihrer Arbeit nach, bügelten Hemden in den Wäschereien, wienerten Tische in den Kneipen, schossen mit den Instamatic-Kameras die schönsten Photos in der Verwüstung der Republik. Darauf zu sehen waren immer wieder Fußgängerzonen, in denen einarmige Banditen wankten, alte ausgegeilte Männer, unrasiert in gut imitierten Anzügen.

Die Soldaten hatten was zum Fressen, am Tisch wurde Abendbrot gereicht, sie brachen eine trockene Scheibe und schenkten dunkles Bier nach. Die Radios zischten die Melodie der familiären Etappe, die magischen Augen in den Apparaten glommen auf, die Wurst auf dem blumenumkränzten Teller war fetter noch als Herr Papa.

 

Durch eine Fußgängerzone schlurfte ich also, im Jahr des großen, strahlenden Gottes; im radioaktiven Jahr 1986. Eine Zone, bevölkert mit all diesen unmerklich pulsierenden Objekten, mit all dieser sich bewegenden Misere, die sich zwar bewegte, aber nicht schnell genug. Und im Weg rumstand – denn was sind Menschen, wenn nicht Malefiz-Steine, die danach schreien, weggeräumt zu werden.

 

In der Zone war es Nacht, und die Weihnachtsdekoration, die bald abgehängt werden würde, baumelte bläulich schimmernd an den verkümmerten Bäumen, die angeschlagen vor den Kaufhäusern standen. Ein frisch lackiertes Auto surrte vorbei, und im Hintergrund, auf dem leergeräumten Bürgersteig, krümmte sich ein Asozialer an ein Schaufenster, in dem Telespiele ausgestellt wurden. Er starrte auf ein kleines LCD-Spiel, das Pancake hieß, und in dem ein klotziges Männchen winzige schwarze Pfannkuchen aufzufangen hatte. Ein gutes Dutzend Pfannkuchen wirbelte über den telefonkartengroßen Bildschirm.

Der Asoziale, ein junges Dutzendgesicht aus einer Kohlenstaubecke der Frontstadt, presste seine Nase an die Scheibe und stammelte: „Das will ich haben, das, und das auch“.

Schade nur, dass ich nicht in der Verfassung war, sein Gesicht in die Glasscheibe hineinzuschlagen, wozu ich wohl deutliche Lust verspürte, aber leider, leider: Meine Hände in den Manteltaschen waren klamm und unbeweglich. Also stapfte ich weiter durch den leisegedrehten Weltkrieg.

Ich hatte die Jacke meines Großvaters an, die schützte mich, obwohl sie meinen Großvater nicht beschützt hatte; der war in einem tannenüberschatteten Krankenhaus verreckt, zwanzig Kilo leichter als vier Monate zuvor, aber immer noch zu schwer, um mit den Engeln zu fliegen. Den Engeln, die er in seinem Todeswahn durch das Sterbezimmer huschen sah. Er reckte die Hände zum Himmel der schlampig gekalkten Decke und beschwor was auch immer, der alte Landser, der als Kleinkind den Ersten und als Soldat den Zweiten Weltkrieg, nicht aber diese Unmengen von Overstolz ohne Filter überlebt hatte. Er sah jetzt vielleicht die mir unsichtbaren Larven seiner Vorfahren, die kaum verständliche Worte in sein Ohr nuschelten, derweil seine krebsgeschwängerte Lunge in den absterbenden Körper flockte.

 

Die Jacke war mir zu klein, und zwei Knöpfe fehlten, und die Kälte zog an meinem unrasierten Hals entlang. Aber ein Schutz war sie doch: eine weiche Festung.

Doch der Asoziale missachtete das. Er kam mir nach, schob mir sein spitzes Gesicht von der Seite entgegen und wisperte: „Haste ´ne Zigarette, nur eine, eine Zigarette? Hab meine vergessen.“

Ich fasste in sein Gesicht, schob es dreißig Zentimeter von mir fort, und bereute augenblicklich den Kontakt, diese Berührung mit der teigigen Haut, die sich anfühlte wie ein halb gefrorener Waschlappen. Die Figur schaute mich erschrocken an, und verzog sich wortlos zischend, als wäre sie eine altertümliche Maschine.

Du Schnorrer, dachte ich, weißt nicht, wer dieser Großvater war, und ich, ich werde älter während ich mich mit dir abgebe. Ich sehe mich in der Schaufensterscheibe, hinter der die Telespiele lagern, eine Meute von fiependen Ratten. Und jetzt, in diesem längst wieder verloschenen Moment, in diesem Segment der Stadt, das mit dem ganzen Rest-Berlin in der Zone gefangen ist und sein wird, und nachdem ich das Waschlappengesicht hinter mir gelassen hatte, schoss es mir in den Sinn, dass ich erst 27 Jahre alt war, also noch jung, also im Besitz von ausreichend Lebenszeit. Und ich hatte einen Kühlschrank in der Wohnung, darin Tuborg-Bier und Lünebest-Joghurts. Ich wünschte, dort lägen andere Sachen. Aber meines Großvaters Leiche ließ nicht zu, dort verstaut zu werden. Ahnenverehrung nannte man das weit vor unserer Zeit, als man seine Großeltern unter der Schlafstatt vergrub, in den Lehmhäusern des frühen Holozäns.

 

Im letzten Frühling war´s, im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da hatte der Tod meinen Großvater niedergestreckt auf der Krebsstation. Die Nachricht ereilte mich schneller, als ich je gedacht hätte, weil eine bösartige Tante entweder über ihren Schatten gesprungen war, nach Jahren der Funkstille, oder es doch zumindest sehr genoss, ihrem Neffen die trübe Nachricht zu überbringen. Meine Mutter hatte natürlich geschwiegen.

Ich nahm das zur Kenntnis und setzte mich in den nächstgelegenen Park und rauchte viele Zigaretten im Angedenken meines kettenrauchenden Großvaters. – In dem Park waren junge Menschen, junge Menschen die übermäßig jung waren, und mich gesiezt hätten, wenn sie denn einen Grund gehabt haben würden, mich anzusprechen. Ihre Schädel zu zerhacken wäre mir ein Vergnügen gewesen, ein inneres Stalingrad. Aber ich trauerte ja und rauchte Overstolz ohne Filter. Frühling war´s, 21 Grad im Schatten, und ich saß im Schatten unter einer alten Eiche, in die jemand ein missglücktes Herz geschnitten hatte. Und die Brüste zogen vorbei, und die Schenkel, und die Schöße, die ich meinte riechen zu können in der lauen Spätnachmittagsluft.

Als es dunkel wurde, verließ ich die Eiche und ging ins „Madonna“. Und dann war da diese eine Frau. Eine Frau, die in jener Kneipe, an jenem Abend, an mir vorbei gegangen war ohne mich anzusehen.

Staub, Licht, Schwaden waren durch die Luft des Schankraums gegeistert, und die Frau hatte kupferrote Haare gehabt, hellgrüne Augen und ein Kleid aus weißem Samt. Sie setzte sich an einen Tisch, steckte sich eine Zigarette an und beachtete mich nicht.

Es war merkwürdig, ich hatte sie nur an diesem einen Abend vor nahezu einem Jahr gesehen und kein Wort mit ihr gewechselt, sie hatte mich nicht einmal angeschaut, aber noch immer war sie eine so präzise Erinnerung, dass ich selbst den Schimmer der Kneipenbeleuchtung auf ihrem roten Haar vor dem inneren Auge sah. Und ich hatte sie nie wieder entdeckt, obwohl ich in den darauf folgenden Wochen oft ins „Madonna“ gegangen war.

Als ich jetzt weiter die nächtliche Fußgängerzone entlang stapfte, auf dem Weg zur U-Bahn, versuchte ich mir ihr Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, den hellen Fleck unter dem roten Pony, aber die Erinnerung war plötzlich von Ätzkalk durchlöchert.

 

Im dunkelsten Abschnitt der Nacht zog ich mich in mein Domizil zurück. Zwei Zimmer und eine Küche mit alter Kochmaschine neben dem Elektroherd, auf dem ich im Winter manchmal Äpfel gebraten hatte. Dahinter ein Klo mit einer zerschrammten Dusch-Box, einem Waschbecken und einer alten Schüssel mit Absatz, auf dem man seine Scheiße begutachten, taxieren konnte, ob sie fest war, frei von Blutrückständen, frei von Anzeichen, die auf tödliche Darmkrankheiten schließen ließen.

Küche und Klo lagen zum Hof hin, in dem eine mächtige, fortwährend rauschende Linde stand, die mir ein Lamento, zwischen die halb geöffneten Fensterflügel hindurch, in den dunklen Raum der Küche wisperte, in der ich oft saß, kurz vor dem Ende der Nacht, beruhigt von einem halben Dutzend Gläsern Burgunder und viel zu vielen Zigaretten.

Rauschen, Rauschen, und der Kopf ist ein Hohlkörper, ein Körper der mit jedem Glas Wein eine Füllung annimmt, die diesen Hohlkörper dann doch zu einem Explosivkörper macht. Eine Gerätschaft ist dieser Kopf dann, in die das Rauschen fließt, bis dieses Rauschen aufbrandet und als schemenhaftes, wolkiges, seelenartiges Innenleben durch diese kuppelförmige Knochenummantelung schießt, wie eine Explosionswolke, die dann knapp vor dem Gesichtsfeld implodiert und sich wieder zurückzieht in die Schädelkalotte, die sich dort verdichtet zu einem absoluten Nullpunkt, zu einem erkalteten Punkt aus Asche.

Es war in diesen frühen Stunden, als hätte man mir einen temporären Alzheimer-Schleim in den Kopf gegossen, der jede Faser des Ichs ummantelte; niemals wieder würde ich Bewusstsein haben, nur ein lumpiges Gefühlsleben würde klein in mir vor sich hin schnarren. Doch wenn ich am nächsten Mittag erwachte, kämpfte das Bewusstsein sich wieder langsam an den Steilwänden des Vergessens empor. Genau so musste es sein in der Todesstunde eines dementen Knackers, dessen Ich zerstört war, wie ein Fernsehempfänger mit implodierter Mattscheibe, dessen Selbst aber als Sender außen lag und funkte, und funkte, und dessen Wellen der Greis erst wieder nach seinem Ableben empfangen konnte. Was musste das für eine Überraschung sein, im Himmel, plötzlich so klar zu werden, endlich wieder die Nachrichten aus dem eigenen Selbst zu hören.

 

Die zwei Zimmer, das eine mehr eine Kammer, in der eine Matratze auf dem Boden lag, und in der ansonsten nur noch eine Art von Kleiderschrank stand, der aus dunkelrot lackierten Umzugskartons zusammengenietet war; diese zwei Zimmer gingen zur Straße hin. Wenn man an einem der insgesamt drei Fenstern stand, konnte man auf den Stickkanal blicken, der die Spree mit dem Landwehrkanal verband. Und dahinter stand der antifaschistische Schutzwall, die Mauer, dieses merkwürdige Stadtmöbel, das zwar immer anwesend war, das man aber so gut wie nie wahrnahm. Eine vier Meter hohe Geistererscheinung aus bunt besprühtem Beton.

Ich steckte mir eine Zigarette an und öffnete die Fensterflügel. Das kühle Messing des Jugendstilknaufs lag massiv in meiner Hand. Unten, am Heckmannufer fuhr ein verlorener R4 vorbei, das Wasser des Kanals leuchtete dunkel, fast schwarz, nur das spärliche Licht der Gaslaternen verbreitete sich wie eine weitere Flüssigkeit auf der Wasseroberfläche.

Drüben auf der Mauer stand eine Mitteilung in schwarzen Lettern. Ich konnte sie in der Dunkelheit zwar nicht lesen, aber ich wusste, wie sie lautete: „Das Wasser macht mir Angst“. Das war verständlich. Ich erinnerte mich, wie ich das erste Mal einen Trip genommen hatte, ein fingerkuppengroßes Stück Löschpapier, auf dem eine Comicfigur abgebildet gewesen war – Zippy, the Egghead – und der mir nichts eingebracht hatte, die erste halbe Stunde. Ich war frisch in Kreuzberg zu der Zeit und kannte wenig mehr Menschen, als die Dealer in der Hasenheide. Dort hatte ich drei Trips gekauft und einen an einem dämmrigen Abend im Spätherbst eingeworfen. Ich saß auf einer Bank am Landwehrkanal und wartete. Flimmern, Rauschen, Testbild. Die Wirklichkeit schien mir normal. Die übliche Fernsehserie. Eine Sendung aus dem Vorabendprogramm des ZDF. Doch dann war alles um mich herum zu einem Zusammenschnitt der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ geworden, und die Realität hatte sich rapide verändert. Nicht dass ich irgendwelche Monster sah, nicht dass die Häuser sich auflösten, oder die Bäume zu schlangengespickten Medusen wurden, ich selbst löste mich auf, und der Himmel lag nur noch zwanzig Zentimeter über mir, und die Nacht senkte sich in rasender Geschwindigkeit, und der Kanal war so schwarz und so fremd, dass sich eine mächtige Angst in mir festbiss, die mich drei Tage lang wie eine angeleinte, pferdegroße Ratte durch die Straßen zog. Ja, das Wasser machte mir Angst.

Die Angst hatte mich immer wieder im Kreis herum geführt, bis an das Haus, in dem ich wohnte, und immer daran vorbei, zu einer kleinen Landzunge kurz vor der Kanaleinmündung in die Spree, auf dem eine Schleusenwärterbaracke stand und ein Gründerzeithaus, das zerfurchter noch war, als das Gesicht meiner Großmutter. Ein Haus, das die Zähne fletschte, ein Haus, in dem offenbar noch Leute wohnten, obwohl es verlassen aussah.

Dieses Haus konnte ich jetzt, so wie jeden Abend seit neun Jahren, wenn ich am Fenster stand und rauchte, schemenhaft wahrnehmen, am Ende des Heckmannufers, jenseits der Schlesischen Straße. Wer wohnte darin? Wer hielt sich in seinen Kellern auf, um Dinge zusammen zu rühren in bauchigen Reagenzgläsern, Dinge, die die Mauer hinter dem verwüsteten Garten in die Luft sprengen konnte, so dass das Böse ein Einfalltor in die DDR haben würde.

Die dunkelgrauen Wolken im Nachthimmel über der Mauer hatten jetzt die Struktur von gehäckseltem Hirn. Aber es war ja nicht mein Hirn, vielleicht nur das Gottes, also für mich ohne Relevanz. Ich schloss das Fenster und wandte mich in den Raum. Ein Schreibtisch mit Büchern und Manuskripten – keine von Palimpsesten überwucherten Pergamente zwar, aber doch Notate über mir Wesentliches – daneben eine kleine Sitzgruppe aus den frühen 60ern, die ich auf einer Baulücke in der Köpenicker Straße gefunden hatte, und ein Farbfernseher von Sony – Triniton-Technologie – den ich von dem Erlös einer meiner sehr seltenen Bildverkäufe erworben hatte. Daneben schließlich ein altes Röhrenradio auf einem Schränkchen mit Furnier aus Nussbaumimitat.

Ich schaltete den Fernseher an, setzte mich auf einen der zwei Sesselchen und drückte meine Kippe in einem nierenförmigen Aschenbecher aus, den ich exakt auf den Mittelpunkt eines schwarzen Glastischchens gestellt hatte, dessen Platte von pinkfarbenen Kringeln durchzogen war. Oh, großes Wirtschaftswunderland, deine Überbleibsel findet man in Nächten wie diesen zwischen Schutt und Schrott auf Brachflächen im heiligen Kreuzberg.

Der Fernseher summte sich in sein Wiedererwachen hinein, und auf der Mattscheibe erschien dieser Nachrichtensprecher mit dem Oberstudienrat-Bart.

Helmut Kohl, unser lieber Bundeskanzler hatte irgendetwas gesagt, und auch Friedrich Zimmermann, unser lieber Innenminister, und der Nachrichtensprecher verlautete, dass die beiden gesagt hätten, wir bräuchten uns nicht unruhig machen lassen, alles wäre in bester Ordnung, alles wäre im Lot, es gäbe keinen Grund zur Panik. Ich fragte mich, um welche Panik es eigentlich ginge, in die wir nicht verfallen sollten. Der Nachrichtensprecher schaute trübe, dann wurde ein Bild von einer Fabrik eingeblendet. Eine merkwürdige Fabrik, groß und dunkel, deren eckiger Körper wie zerschossen wirkte, wie zerbombt. Der Nachrichtensprecher betonte in seinem Kommentar zu dem Photo, das hinter ihm im Blue-screen eingeblendet wurde, ein offenbar russisches Wort. Tschernobyl, sagte er, und noch einmal, Tschernobyl. Dort hätte es vermutlich einen Unfall gegeben, die schwedischen Messstationen würden ja schon seit vorgestern erhöhte Werte melden.

Mir sagte das alles nichts, ich war schon zu betrunken, und deshalb brauchte ich mehr Wein.

Auf dem Weg in die Küche, versuchte ich zu rekapitulieren, wann ich das letzte Mal Fernsehen geschaut hatte. Das musste ungefähr vier oder fünf Tage her gewesen sein. Ich hatte „Monitor“ oder etwas ähnliches gesehen, da war es um die Pershing II im Hundsrück gegangen, und um einen Terroristen, der behauptete die Wahrheit zu sagen über irgendetwas, das mir entfallen war. Die üblichen Nachrichten. Nichts, was zur Panik verleitete.

Und jetzt sagten sie ja auch: keine Panik. Aber all die Gesichter in dem Kasten von Sony, warnten mich davor einzuschlafen.

Als ich aus der Küche zurück kam, hatten die Nachrichten ein Ende gefunden, und das Gesicht von Hans-Joachim Kuhlenkampf war auf dem Bildschirm erschienen. „Nachtgedanken“ hieß die Sendung, eine meditative Einschlafhilfe für den Fernsehbürger dort draußen. Kuhlenkampf erzählte jovial etwas über das Zuspätkommen in der Welt, und was schon Nestroy darüber gesagt hätte, oder Thomas Mann, oder irgendein anderer Wichser. Dann wurde die Nationalhymne gespielt. Ich schenkte mir währenddessen Wein ein, den ich aus der Küche geholt hatte, und sang „Auferstanden aus Ruinen“. Und war ratlos. Schließlich das Testbild. Blöcke von Farben und schwarzweißen Kontrastbeispielen, die um das ARD-Logo gruppiert waren, ein Sinus-Ton, der sich mehr und mehr in meine Ohren bohrte, schließlich, nach etwa dreißig Minuten, die ich starr auf meinem Cocktail-Sesselchen verbracht hatte, das Weiße Rauschen, der Ameisenkrieg, die letzte Ausflucht aus der Welt der Darstellungen.

Ich schaltete den Fernseher aus und das Röhrenradio an. Ich hörte die Zeile „You can win, if you want, Brother Loui, Loui”, dann kamen erneut Nachrichten. Jetzt erst, endlich erlöst von den Abbildern der Fernsehmenschen, den Ministermasken, der Zeilenstruktur des Lebens, begriff ich, was passiert zu sein schien, ließ mir die Wahrheit von einem Märchenonkel des SFB erzählen: in der UDDSR war ein Atomkraftwerk geplatzt, Tschernobyl, im Hinterland von Kiew, und alle leugneten es, nur die Messstationen in Schweden leugneten es nicht. Die Wolke war offensichtlich schon seit zwei Tagen in Nordeuropa angekommen, befand sich vermutlich längst über dem Gebiet der BRD. Aber niemand schien zu wissen, oder zugeben zu wollen, wie hoch die Radioaktivität war.

Ich zog an meiner Zigarette und sah schwache Abbilder, fernsehhafte Abbilder, meiner zukünftigen Kinder an der Wand hinter dem Radio, Kinder mit Gen-Schäden, denen die inneren Organe in einem Hautsack aus dem Rücken wuchsen, Kinder, die Augen wie wahnsinnige Fische hatten, Cuthulu-Kinder, mit aufgeworfenen, blutschwammartigen Karpfenmündern. Blinde Kinder. Totgeburten.

 

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