Florian Voss
Florian Voss

 

 

(im exil hinter regenwänden) - (auszug)

 

 

1.

 

ICH beginne die welt zu erschaffen

in einer nacht im jahr 2020

(das ICH ist doch nur im haupte

eine behauptung, eine kopfgeburt

das bewusstsein ein kindbettfieber)

mit müden augen und trockenen händen

sammle ich die teile zusammen

ein bett, ein tisch, ein stuhl

wände, die die nacht draußen halten

eine energiesparlampe, ihre weißen dioden

der strom in ihnen, das kalte glimmen

weit entfernt von dem gedrosselten licht

das bett mit der durchgelegenen matratze

und staub unter dem lattenrost

wieso ist es so still hier

wieso wird noch kein

trauermarsch gespielt?

spinnen vielleicht in der erde unterm bett

und tote soldaten, ritter, slawen, bandkeramiker

(je näher man dem tod rückt

um so weniger schlaf braucht man

dieses lange, langsame gleiten

in die sterblichkeit hinein)

und auf der matratze das federbett, das laken

da gleiten die tagträume und die nachtträume

dunkel, weich und verwirrt

ein bett, ein tisch, ein stuhl

 

wäre ich doch ein bandkeramiker gewesen

ein handwerker, ein meister der töne

stattdessen die gosse der kleinstadt, der großstadt

die hinterhöfe der herzen, groß wie müllcontainer

keine heiße asche einfüllen, keine träume vom aufstieg

ein bett, ein tisch, ein stuhl auch in der erinnerung

ein klitzekleines kinderzimmer aus eisblumen

aus winter und staub und kristallklarer atemluft

was hätte aus mir werden können im richtigen stall

mit dem richtigen geruch und den richtigen gesten?

stattdessen gosse und den arbeitsvertrag des lebens

mit kreide auf das straßenpflaster gekritzelt

stattdessen immer nur ein junge ohne zertifikate

 

TRAUM 1

der geruch von kohlenbrand in der kalten luft

von salz und schwarzen holzbalken, ruß und schnee

und ozean liegt über der stadt, die im norden liegt

die in deutschland liegt, die in der kindheit liegt

schneewehen, meterhoch, und das blaulicht

der feuerwehr, die flammen im nebenhaus

und soldaten zwischen den schneewehen

und das eis der straßen, spiegelglatte bahnen

auf denen die alten frauen vorbeigleiten

hier muss niemand gerettet werden

nur im radio von nordmende spricht man

von schwarzen wolken und katastrophenalarm

winter 1978, die soldaten marschieren

mit schneeschaufeln durch die gassen

und die autos stehen wie in einer ölkrise zwischen

meterhohen schneefassaden, hinter denen häuser hocken

in den kanonenrohröfen schweröl oder eierkohlen

oder vergilbte liebesbriefe an das gestern

die baulücken in den häuserzeilen

ausgeschlagen von luftminen, von brandbomben

die lächelnden blindgänger in den verschütteten kellern

die baulücken in den zahnreihen, eingerissen

mit einem zwirnfaden, der an der türklinke hing

das lächeln des kindes, das ich bin, war

die milchzähne, weiß in der pillendose

und schnee auf den straßen, viel schnee, immer mehr schnee

das lückenhafte lächeln, die lücke in diesem bild

auf den eisigen straßen zockeln die männer entlang

dunkle orden im herzen und wenig arme und beine

das wolfsgrinsen der soldaten in der fußgängerzone

verschweigt ihr böses herz, ihre frauen hängen

noch immer an ihren armen und lassen sich ausführen, abführen

die wölfe haben cordhütchen, nicht wehrmachtskappen

auf den ausgekühlten schädeln, über trockenen augen

mit den stumpen zwischen den zähnen

die verbliebene hand kerzengerade in der hosentasche

 

(ab hier beginnt das alterswerk)

 

 

ICH erschaffe die welt in meinem kopf, wo denn sonst?

auf dem schreibtisch etwas licht, ein kugelschreiber

weißes papier und das graustufenbild meines kindergesichts

die dioden, der strom aus den wänden

aus dem boden, von der straße, aus dem untergrund

aus den atomkraftwerken, die immer noch stehen

was proust seine madeleines, sind mir schon immer caramac

gewesen, milka krokant, storck riesen und capri-eis

irgendwann im jahr 1979 ist die welt eine andere geworden

träume aber sind weiß wie schnee, sind fieber

 

TRAUM 2

und die kindergärtnerin rupft die blumen aus

mit harter hand bricht sie die waffel-herzen, die

bestreut mit puderzucker, verteilt sein sollen

an die ausgedorrten kinder, an die kleinen gossen-elfen

dann zum waschraum, wasser lassen, wasser fassen

ein bisschen labsal für die trockne kehle, die trockne seele

in diesig grauer luft ein verkachelter moment

zwischen steinernen waschbecken und stinkender pissrinne

schmierseife, bohnerwachs und krepppapier, pseudokrupp

in den kehlen und staublicht und knisternde fliegenflügel

später in der guten stube, waffelrezepte aus den illustrierten

in denen neu die ersten nackten frauen aufscheinen

die neckisch aus dem gründerzeit herüber grüßen

jetzt alt und grau und nur noch staub die fotoalben

doch seht, wie sie leuchten

wie ihr lächeln strahlt und funkelt

die brüste so fremd und schwarzweiß

 

SCHLÄFRIG, schläfrig, das ist doch das richtige wort?

und plötzlich ist es tag, die luft rauscht von autos

gleich nach der geburt

zum sterben müde sein

 

der morgen mit seinen abgekratzten sternen

die schlecht gelernte eiszeitsprache in meinem mund

der milchweiße himmel über den bauten von jericho

in den brustkörben der einfamilienhäuser

die menschen geborgen in ihrem andauernden schlaf

verhängt die spiegel, verhängt die fenster

ich schließe den tag und trinke den morgen

so kühl und bitter und leer

es gibt nur einen ausweg in die stille

 

ICH bin ein baufälliges haus mit verborgenen zimmern

das bewusstsein kann die miete nicht bezahlen und zieht aus

das bewusstsein schläft unter der brücke, am kanal, bei den ratten

doch halt: woher diese dunkle romantik, aus filmen und büchern?

erschaffen von fremden bewusstseinsformen, von aliens

außerhalb der bannkreise des eigenen ICH

alienation in an alien nation

wieviel gramm ICH bekommt man für kleine münze?

oder braucht man später das geld für den fährmann?

eine kopfgeburt, ein kopfsterben, eine nachgeburt

so viel gewese um das bisschen funkenfeuer im gehirn

der verfliegen wird im abendlichen windhauch

unter sich eindunklendem himmel, derweil der körper verwest

all die sterne am horizont, die wolken in vielen farben

das schwarz der nacht, das sich darunter mischt

nicht ICH erschaffe die welt, die welt erschafft mich – aliens

mit diffusen zielen, mit ränderndem bewusstsein, mit klarem blick

 

taghell jetzt vor den fenstern, menschen unterwegs in ihren

rasenden büchsen, von motoren getriebenen büchsen, motorköpfe

auf dem weg zur arbeit, auf dem weg in den tod

die viren in den geheimen kammern ihrer klimaanlageformen

keine sonne am himmel, keine sterne, nur wolkenmassen

die scheinen wie ein zerdrücktes, ein verflachtes gedärm

 

[...]

 

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© Florian Voss