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Florian Voß: Zwei Kapitel aus dem Roman Bitterstoffe, der im August 2009 bei Rotbuch erscheint

 

 

Florian Voß. Bitterstoffe. Rotbuch: Berlin, 2009.

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Bitterstoffe bei textunes

  Bitterstoffe – Roman

 

 

1. Kapitel


Die Füße steckten in grauen Wollsocken, viel zu warm für die Jahreszeit, die Hose war aus sandfarbenem Kord. Im Hintergrund surrte eine Klimaanlage. Es war kühl in dem Raum, und es roch nach etwas nicht Benennbarem. Nicht die säuerliche Ausdünstung eines alten Mannes, nicht der Geruch der Straße, durch die ich gekommen war – aufgeheiztes Benzin, bräunliche Straßenabfälle in der Spätsommerhitze – nicht einmal der eines desinfizierten Raumes, sondern der Geruch einer Fremde.

Sein Gesicht war schmaler geworden, der Körper wirkte geschrumpft. Ich betrachtete erneut seine Wintersocken, über die niemand Schuhe gezogen hatte: Als wäre er nur kurz in das obere Stockwerk des Hauses gegangen, um sich dann wieder hinzulegen, hätte es nicht für nötig gehalten, Schuhe anzuziehen.
Die Hände waren gefaltet, aber nicht so, als würde er beten. Der Leichenbestatter hatte sie ihm nur in Positur gelegt, damit sie nicht schlaff an den Seiten herabhingen.
Das Surren der Klimaanlage, und der Geruch der Fremde. Im Hintergrund raschelte die Empfangsdame mit den Akten der Toten.

In der Kapelle, am nächsten Tag, waren viele Blumen und Kränze um seinen Sarg ausgebreitet. Ich hatte Sonnenblumen dazugelegt, sie wirkten deplaziert.
Die Verwandtschaft lief umher und frischte Erinnerungen auf.
– Hallo, wie geht es, das muß ja schon Jahre ...
– Ja wirklich, du hast dich überhaupt nicht ...
Eine fette Cousine. Ein faltiger Onkel. Der geschlossene Sarg. Die Dunkelheit.

Drei Tage zuvor, siebenhundert Kilometer entfernt, hatte ich den Telefonhörer sacht auf die Gabel gelegt, nachdem meine Mutter mir mitgeteilt hatte, daß der Großvater tot sei. Mein Zimmer um mich herum blieb dasselbe. Die Fenster waren frischgeputzt. Die Bäume standen im Hinterhof. Das helle Grün der Blätter war unter den Zweigen türkis überschattet.
Die Luft stand heiß und feucht zwischen den Fassaden. Die Kleinkinder quengelten in den Nachbarswohnungen, sie ertrugen die Hitze nicht. Sie waren beunruhigt vom Ich-Bewußtsein, das sich mehr und mehr in ihnen festsaugte.

Seit ich zurückdenken konnte, waren meine Eltern und ich jeden Sommer nach Holland gefahren, ans Meer, um ihn und meine Großmutter zu besuchen. Sie lebten in einem dunkelblauen Haus in einer sonnigen Straße.
Die Gehwegplatten waren heiß unter meinen nackten Füßen, wenn ich mit steifen Beinen aus dem Auto stieg, durch den kleinen Vorgarten lief und die Türglocke zog. Meine Eltern wuchteten hinter mir das Gepäck aus dem Kofferraum, während ich zu der Mattglasscheibe der Haustür hinaufspähte.
Meine Großmutter machte auf, leicht gebeugt im Rückgrat, in einem verblichenen, geblümten Kleid. Im Hintergrund, in der Dämmerung des Flures, stand mein Großvater, die Brust in einem englischen Tweedjackett versunken, aus dem ein weißer Rollkragenpullover hervorleuchtete. Seine Beine steckten in der sandfarbenen Kordhose, die Füße in Wildlederschuhen, zwei Nummern zu groß, damit es die Füße bequem hatten.
Ich ging hinein und umarmte meine Großmutter. Die Fliesen des Flures waren kühl unter meinen Füßen.
Meine Eltern schienen in Ferienlaune, sie sprachen mit lauteren Stimmen als üblich. Und bald nach dem Abendessen, das wußte ich von früheren Besuchen, würden wir noch ans Meer fahren, an den fast leeren Strand. Dort waren nur noch einige Spaziergänger, bläuliche Schatten vor der orangeroten Sonne. Der Sand hatte die Hitze des Nachmittags gespeichert, die Geräusche der Möwen und Schiffe kamen durch einen weiten Raum an die Küste gespült.
Das Wasser schwappte an die Wellenbrecher, in den Tümpeln, zwischen den schwarzglänzenden Steinen, saßen regungslose Krebse halb im Sand verborgen. Ich suchte mir Miesmuscheln und band Fäden um ihre aufgebrochenen Schalen, um damit stundenlang nach den Krebsen zu angeln. Ich sah nur die Krebse und die Steine, und spürte die Sonne im Nacken, wie sie die Haut trocken machte, trocken und porös. Ich roch das Schmieröl vom Hafen her, die Kokosfaser der Taue und den vergammelten Fisch.

Flach und ausgelaugt das Schreien der Möwen. Das Wasser schwappt an die Mole. Der Ton ist leicht verzerrt. Wie sich der Himmel verzieht, mehr und mehr nach hinten wegkippt. Das Wasser schaut rostig aus in der Erinnerung.
Lange schon sind sie unter der Erde, alle meine Vorfahren, mit dem Dreck der Stadt eins geworden, den Ablagerungen von Generationen, die in Schichten die Basis der Stadt bilden, unterbrochen nur von Kellern, wo wer-weiß-was vermodert, zwischen alten Sesseln und verblaßten Modezeitschriften, zwischen Kohlenstaub und muffigen Wintermänteln.
Mir träumte der Tod meines Großvaters in einem unterirdischen Kinosaal. Der Film war abgelaufen. Die Leinwand war weiß, ein Leichentuch. Die Füße des Helden steckten in grauen Wollsocken.

Der Sarg war schmucklos, ein Massenfabrikat, sicherlich in höherer Auflage produziert als manches Auto. Sterben tun sie alle, auch die ohne Führerschein.
Eine Klappe im Boden öffnete sich, und der Sarg wurde über ein Fließbandsystem ins Krematorium verfrachtet. Ich wußte hier nichts mehr zu tun, also ging ich zu meiner Mutter und verabschiedete mich. Ihr Blick war vorwurfsvoll und ein wenig bitter, die Linien um ihren Mund zeichneten sich hart in die Haut. Mit ihrem blondgefärbten Haar und den blaugetuschten Wimpern sah sie aus wie ein Backfisch, der sich wunderte, so früh alt geworden zu sein. Ich beugte mich zu ihr und sagte, ich würde die Tafel decken für das anschließende, gemeinsame Essen. Die Gesichtszüge meiner Mutter entspannten sich und sie nickte erleichtert. Ich küßte sie flüchtig auf die Wange und ging hinaus zur Straßenbahnstation, während die anderen Trauergäste sich weiterhin umschlichen.
In der Straßenbahn saßen die schönen Frauen neben den schönen Männern, die häßlichen neben den häßlichen, und das Spätsommerlicht strahlte golden durch die Frontscheibe. Vom Horizont her zogen Wolken auf.
Als ich beim Haus der Großmutter ankam, war das Wetter bereits umgeschlagen. Die letzten hundert Meter legte ich im Laufschritt zurück, während einzelne, große Regentropfen auf meinem Kopf zerplatzten. Als ich die Eingangstür erreicht hatte, schloß sich hinter mir ein Regenvorhang.
Das Zwielicht im Eßzimmer schimmerte grünlich. Die Schlangenäste der Bäume im Garten bogen sich, und die Blätter zischelten. Ich deckte den Tisch mit dem Aussteuergeschirr – cremefarben mit Goldrand – plazierte das Tafelsilber und stellte zu jedem Gedeck ein billiges, geriffeltes Saftglas. Das war ein Stilbruch, aber ich hatte schon früher jeden Sommer daraus getrunken, aus diesen grünen, geriffelten Gläsern, in der Küche, den Rücken an den kühlen Spülstein gelehnt.
Ich rückte noch einen Teller zurecht und betrachtete den Goldrand, der von feinsten Kratzern durchzogen war. – Das Aussteuergeschirr war seit dem späten 19ten Jahrhundert in Familienbesitz. Anfangs wurden Reis und Rinderbraten von mandeläugigen Dienstmädchen darin aufgetragen. Dienstmädchen in Niederländisch-Indien, mit denen mein Urgroßvater Affären unterhielt, zur Regenzeit, in der Gesindekammer.
Später lag anderes auf den Tellern – Kartoffeln und Schweinskarbonaden, im Eßzimmer des zweistöckigen, hellgrün gestrichenen Haus an der holländischen Küste. Mein Urgroßvater kaute schwer an seinen Schweinskarbonaden, unter den wachsamen Augen meiner Urgroßmutter, und vermißte die Gesindekammer in Indonesien.
Meine Großmutter war kein Backfisch mehr, als das cremeweiße Geschirr in ihre Aussteuertruhe gepackt wurde und mit ihr zusammen in ein dunkles Haus in einer hellen Straße übersiedelte.
In dem Sommer war sie siebenundzwanzig, und Europa verharrte in der Gewißheit, in einen zweiten großen Krieg zu stürzen, und meine Großmutter fand es an der Zeit, eine Familie zu gründen. Sie ließ sich von meinem Großvater heiraten, einem dünnen, jungen Mann mit Stirnglatze, der Bildhauer werden wollte, es aber nur zum stellvertretenden Prokuristen brachte, und der nach Dienstschluß am Küchentisch in Ton modellierte oder Kindergeschichten schrieb, bevor er auch nur ein Kind gezeugt hatte.
Meine Großmutter ließ sich niemals anmerken, daß sie unter Stand verheiratet war, kochte meinem Großvater Kartoffeln mit Schweinskarbonaden und gebar ihm vier Töchter. Nur am Frühstückstisch ließ sie nicht davon ab, ihre Butterbrote mit Messer und Gabel zu essen.
Nach dem Krieg, als das Geld knapper wurde, nahm sie eine Stellung als Sekretärin an und sang am Abend in der Küche Gassenhauer, während auf dem Herd Rippchen brutzelten, manchmal auch Scholle oder Stockfisch.
Viel später erzählte sie mir, daß sie früher einmal einen Gesangswettbewerb gewonnen hätte, und ich erzählte es stolz meinen Freunden in der Schule, auch wenn ich schon damals nicht fand, daß ihre Singstimme außergewöhnlich gewesen wäre.
Wenn ich mit meinen Eltern bei meinen Großeltern war, wurde an mindestens einem Abend das Aussteuergeschirr aufgelegt, und w‰hrend meine Großmutter Salz und Pfeffer genau in die Mitte des Tischs plazierte und die Gläser nocheinmal zurechtrückte, und meine Mutter das Essen auf die Teller tat, beugte sich mein Großvater jedesmal zu mir und flüsterte:
– Paß auf, daß du den Teller nicht kaputt machst, Felix, den hat deine Großmutter zu ihrer Hochzeit bekommen.
Und jetzt deckte ich also den selben Tisch mit dem selben Geschirr, und die Teller hatten keinen einzigen Sprung, und die Goldränder glänzten im Abendlicht.
Das Gewitter hatte genauso schnell aufgehört, wie es begonnen hatte. Die ersten Sonnenstrahlen rissen Fugen in die Wolken. Ich stellte den Weißwein kalt und setzte mich an den gedeckten Tisch, um zu rauchen. Nachdem ich die dritte Zigarette ausgedrückt hatte, trafen die ersten Trauergäste ein. Meine Mutter und meine Tante hatten je drei Papiertüten mit indonesischem Essen in den Händen und verschwanden tuschelnd in der Küche. Meine Großmutter setzte sich zu mir an den Tisch und nahm sich eine meiner Zigaretten.
– Ist es nicht ein schönes Begräbnis gewesen. Alle waren da. Und wie groß sie geworden sind.
Ich lächelte ihr zu und fing an, auf meinem Daumennagel herumzukauen.
Alle standen in ihren schwarzen Anzügen und in ihren schwarzen Kleidern im Eßzimmer herum und sprachen leise miteinander:
– Wir haben uns ja schon lange nicht mehr ...
– Gut tust du ausschauen, so braun und so ...
– Ja, Malta, herrliches Fleckchen Erde. Aber die Arbeit, ja, die Arbeit, was will man da...
– Hoffentlich gibt es bald...
– Ja, das Alter, schon wahr
– ... bald was zu essen.
Meine Mutter und meine Tante kamen durch die Küchentür, mit dem in den Schüsseln dampfenden Essen, und als sie an mir vorbeigingen, hörte ich meine Mutter zu ihrer Schwester sagen:
– Findest du nicht auch, daß Mareike einen ganz schön fetten Hintern bekommen hat?
Und meine Tante nickte. Ich schaute zu Mareike, der dicken Cousine, die zwischen zwei Onkeln eingezwängt stand und zu mir herüberlächelte. Sie war so schön gewesen, jetzt war sie fett geworden. Eigentlich kannte ich sie kaum. Sie gehörte zur Verwandtschaft, aber was besagte das schon. Trotzdem kniff sie die Lider zusammen und lächelte. Ich mußte an die erste Frau denken, mit der ich geschlafen hatte, die vielmehr noch ein Mädchen gewesen war zu der Zeit, aber ihre Augen waren beim Lächeln schon genauso schmal und abgeklärt gewesen, wie die meiner dicken, erwachsenen Cousine. Julia war ihr Name gewesen, Julia.
Ich hatte sie in der Schule kennengelernt. Sie war vierzehn, ich zwölf. Sie führte ihr Selbstbewußtsein spazieren, ich schaute sie jeden Tag an.
Später wechselte ich die Schule und verlor sie aus den Augen. Als ich siebzehn war, begegnete ich ihr wieder. Eine Woche darauf schlief sie mit mir, und ich glaubte mich gerettet. – Das hielt nicht lange an.
Jetzt waren da nur noch vage Erinnerungen: Wie fühlte sich ihre Haut an, wie war die Form ihrer Brüste – meine Hände hatten es vergessen.

Später, als der Großvater in die Urne gefüllt war, als alle Cousinen, Tanten und Onkels nach Hause gegangen waren, als das Meer noch immer rauschte, die Möwen noch immer schrien, wie sie immer geschrien hatten in meiner Erinnerung; als also alles abgeschlossen war, fuhr ich zurück nach Berlin.

27 Tage nach dem Tod meines Großvaters kam Georgs erster Anruf seit über drei Jahren. Er sagte, daß Annemarie tot sei, wie mit einem Lichtschalter ausgeknipst, vor zwei Tagen. Hirnschlag, sagte er, lag bei ihr in der Familie. Und: Willst du zum Begräbnis kommen, du hast sie doch auch gern gehabt. – Ja, sagte ich.

Georg war in der Provinz mein bester Freund gewesen, in der süddeutschen Kreisstadt, in der ich aufgewachsen war. Am schwärzesten gekleidet von allen, mit einem Ausdruck von Ekel um die Mundwinkeln, der ihn in dieser Kreisstadtszene bedeutend machte.
Wir waren zusammen durch die Nächte gehastet, auf der Suche nach Alkohol, Mädchen und Langeweile. Langeweile tat uns gut. Wir hatten abendelang in Discotheken auf den Lautsprecherboxen gesessen, desinteressiert und angetrunken. Wir hatten uns in modrigen Kellergewölben Partys angeschaut, desinteressiert und angetrunken: Schattenrisse bewegten sich zeitlupenhaft zur sägenden Musik von "Joy Division" oder "Bauhaus". Aus dem hinteren Raum strömte das Licht einer verrußten Kellerleuchte.
In der Ecke lag ein betrunkenes Mädchen mit Speichel am Kinn, der träge zu ihrem Ausschnitt floß. Der Ausschnitt hatte sich nach unten verschoben, so daß man eine der Brustwarzen sehen konnte. Es war kalt, die Brustwarze war zusammengezogen. Georg stand gelangweilt in einem Türrahmen, neben einem verdreckten Tisch, auf dem zerdrückte Bierbüchsen lagen. Er zog an einer Zigarette und betrachtete seine spitzen, schwarzen Schuhe. Ich blickte abwechselnd zwischen seinem weißen Profil und der roten Brustwarze des Mädchens hin und her. Wir rührten uns nicht, wer sich rührt hat verloren.

Dann hatte sich Georg in Annemarie verliebt, eine Kunststudentin, die Objekte aus getrockneten Rosenblättern herstellte. Immer wenn ich die beiden besuchte, lagen hunderte von verschrumpelten Blättern um ihr Bett herum. Das Rosengestrüpp türmte sich unter dem Schreibtisch, eine Massenproduktion von Dornenkronen. Wer sollte die alle tragen? Georg?
Annemarie war ein gut gelauntes Mädchen, lang und dürr, mit kleinen Brüsten, die ich einmal gesehen hatte, als ich mit Georg trinkend und schweigend am Küchentisch gesessen hatte, und sie aus der Dusche kam, triefend, mit nassen Haarsträhnen und einem überraschten Lächeln auf den Lippen. Auf dem Herd stand Eintopf vom Vorabend, und nachdem sie sich ein langes T-Shirt übergezogen hatte, gab sie uns zu Essen, trank Rotwein, gestikulierte mit den langen Armen, und Georg und ich begannen uns zu bewegen.

Zu der Zeit traf ich Julia zufällig in einem Café in der Fußgängerzone wieder. Sie trug einen neongelben Minirock und ein schiefes Lächeln, das sie im Kino gut auswendig gelernt hatte, bei den traurigen Filmen, in denen der Privatdetektiv das Mädchen niemals lieben kann. Sie war der Privatdetektiv.
Wir schliefen das erste Mal in einer Nacht zusammen, das zweite Mal an einem Nachmittag. Dann blieb mir noch ein Jahr. Dann ging sie. Dann suchte ich sie. Dann ließ sie sich nicht finden. Dann war ich erwachsen.

Wie mit einem Lichtschalter ausgeknipst, hatte er gesagt. Du hast sie doch auch gern gehabt.
Ich stand am Bahnhof Zoo und rauchte eine Zigarette, ein leichter Kopfschmerz füllte den Hohlraum hinter meinen Augen. Der Vorplatz des Bahnhofs war mit Blättern bedeckt, eine rotbraune See. Die Taxen dümpelten friedlich an ihren Anlegestellen. Die Fahrer hatten sich die Mützen aufs Ohr geschoben und träumten von Sirenen. Dazu das Klopfen der heißen Motoren, das rhythmische Schlagen der Ruder.
Ich ging hinein zu den Zügen. In der Bahnhofsvorhalle war es kühl. Auf dem mediterran gekachelten Boden lagen zerdrückte Zigarettenpackungen, eingefaßt von Kippen, die Muster auf den Kacheln bildeten. Alles sah bedeutend aus. Mein Kopf fühlte sich zwei Zentimeter schmaler als gewöhnlich an, zusammengepreßt.
Staubiges Spätsommerlicht fiel durch die Oberlichter. Die Gesichter der Reisenden wurden ausgewischt von dem Licht. Mein Kopf summte. Ich brauchte Schlaf.
Als ich später im Zugabteil erwachte, war es Abend geworden. In meinem Kopf breitete sich eine ich-verlorene Klarheit aus, die mich das träge An- und Abschwellen der Gedanken kaum noch wahrnehmen ließ. Ich schaute meine Hände an, sie waren mir fremd.

 

 

 


 

 

 

2. Kapitel


Julia stand auf dem einzigen Bahnsteig von Ebersau und wartete auf ihren Anschlußzug. Sie war am frühen Montagabend von Hamburg her angekommen, und stand seit einer halben Stunde in der staubigen Luft des Vororts. Hinter dem Bahnhof dösten Industriebauten und Geräteschuppen, dazwischen lagen aufgestapelte Betonteile, plattgetretenes, sprödes Gras und rostige Bierbüchsen. Eine beruhigend ländliche Szenerie. Die Luft war mild.
In etwa einer Stunde würde sie bei ihrer Mutter Zuhause sein. Sie sagte noch immer "Zuhause", wenn sie in ihre Geburtsstadt zurückfuhr, obwohl sie seit über acht Jahren nicht mehr dort lebte, und seit zwei Jahren nicht mehr zu Besuch gewesen war.
Der Zug fuhr ein, und sie stieg ins Abteil. Nachdem sie ihre Tasche verstaut hatte, lehnte sie sich an den messingfarbenen Rahmen des Fensters und streckte den Kopf in den Fahrtwind, der ihre Haare zurückstrich. Sie fühlte sich ruhig und entspannt. Ungewöhnlicher Zustand, dachte sie.
Nachdem sie am Hauptbahnhof angekommen war, nahm sie die Straßenbahn in die Weststadt.
Ihre Mutter öffnete keine zwei Sekunden, nachdem sie geklingelt hatte. Sie mußte hinter der Tür gewartet haben. Sie strahlte über das ganze Gesicht und drückte Julia an sich. Julia verspürte ein unangenehmes Gefühl in ihrem Nacken, etwas versteifte sich ganz deutlich in ihr. Der Geruch ihrer Mutter war der, an den sie sich erinnerte: Putzmittel und teures Parfüm.
– Kind, ich freu mich ja so, dich zu sehen. Komm doch rein, und gib mir die Tasche.
Julia ging durch den Flur und hängte ihre Jacke an die Garderobe.
– Die Tasche kann ich schon alleine tragen, Mama.
Sie setzte sich an den Wohnzimmertisch, und ihre Mutter schenkte Wein in zwei Gläser, die bereits dort standen.
– Du siehst ganz staubig aus, willst du vielleicht erstmal duschen?
Julia ließ sich in einen der Sessel fallen.
– Ist schon gut, Mama, sagte sie, ich will erst mal ankommen.
Sie nahm einen Schluck Wein und schaute sich im Zimmer um – ihre Mutter hatte sich einen exquisiten Geschmack angelernt, seit sie sich vor acht Jahren vom Vater getrennt hatte und wieder ihrem alten Beruf als Innenarchitektin nachging: Sandfarbene Sitzgruppen, Kirschholztische, indirekt beleuchtete Vitrinen, in denen großformatige Bücher standen, die keiner las, und Urlaubserinnerungen, die niemand anschaute. Das ganze hübsch verpackt in ein Reihenhaus. Kein Vergleich zu der winzigen Altbauwohnung, in der sie aufgewachsen war. Kein Vergleich zu der alten Inneneinrichtung. Kein Vergleich zu ihrer damaligen Mutter.
Sie konnte den Küchenmuff der alten Wohnung förmlich wahrnehmen. Es roch dort immer nach Eingekochtem, wenn ihre Mutter am Sonntag um elf Uhr begann, für das Abendessen vorzukochen. – Kartoffeln, Mehlschwitze und säuerliche Milch. Heute würde es etwas mit matschigem Poree geben, Julia kroch der Geruch in die Nase. Sie lag noch im Bett, und hatte die letzte Stunde leise mit ihren Puppen gespielt. Sie wollte noch nicht in die Küche zu ihrer Mutter, aber sie hatte schon seit einer ganzen Weile Durst, und ihr Mund fühlte sich mittlerweile ganz ausgetrocknet an.
Sie stieg aus dem Bett und setzte die nackten Füße auf das grüne, kalte Linoleum. Ihr Bein streifte das Federbett, sie konnte die Innen- von der Außenseite unterscheiden: Innen warm, außen kühl. Die Puppe unter ihrem Arm fühlte sich borstig an. Sie öffnete die Tür und ging in die Küche. Die Mutter stand am Bügelbrett. Sie trug noch das Nachthemd und darüber eine Schürze. Reste von Mascara hatten sich in die feinen Falten unter ihren Augen gelegt.
– Mama, ich hab Durst, sagte sie.
– Dann hol dir halt was, sagte ihre Mutter gereizt, du weißt ja, wo es steht.
Julia ging zum Kühlschrank und nahm die Milchtüte aus dem Türfach. Die Tüte steckte in einem ovalen Plastikzylinder. Die Milch im oberen Teil der Tüte schwappte hin und her, als sie ein Glas einschenkte. Auf dem Herd stand ein großer Topf, in dem das Essen blubberte. Ihre Mutter bügelte. Julia konnte die Sehnen in der Hand der Mutter arbeiten sehen, direkt unter der Haut. Sie trank einen Schluck Milch, dann ging sie zur Mutter und umarmte ihre Beine.
– Julia, Schatz, geh noch ein bißchen ins Bett, die Mami muß jetzt bügeln.
Die Stimme hörte sich merkwürdig an. Julia blieb an dem Bein.
– Können wir nicht was spielen, Mama?
Ihre Mutter setzte das Bügeleisen schwer auf die Ablagefläche.
– Julia, geh jetzt sofort in dein Zimmer.
Die Beine ihrer Mutter versteiften sich, Julia konnte die Muskelstränge durch den Stoff des Nachthemdes spüren. Das Nachthemd roch nach Zigarettenrauch. Sie drehte den Kopf ein wenig beiseite. Durch die Gardinen am Fenster floß ein weiches Morgenlicht in den Raum. Die gelblichen Gardinen warfen Schattenmuster auf das Fensterbrett.
– Och bitte, Mama, können wir nicht zusammen was spielen?
Die Hand drückte sie vom Bein weg. Am Saum des Hemdes war ein kleiner Fleck eingetrocknet.
– Laß mich in Ruhe, Julia, sagte die Mutter.
Sie hatte das Bügeleisen wieder in die Hand genommen. Julia starrte auf das Bügeleisen, auf die spitz zulaufende Fläche. Das Bügeleisen war ihrem Gesicht zugekehrt. Ihre Mutter sagte nichts, sie kam hinter dem Bügelbrett hervor. Julia glaubte die Hitze des Bügeleisens spüren zu können. Sie glaubte es mit ausgestrecktem Arm anfassen zu können. Die Ärmel des Nachthemdes waren ganz zerknittert. Das Eisen war heiß. Ihre Mutter ließ es sinken. Dann stellte sie es wieder auf die Ablagefläche. Julia ging in ihr Zimmer.
– Jetzt machen wir es uns so richtig gemütlich, sagte ihre Mutter und schenkte Wein nach. Erzähl doch mal, wie war denn die Fahrt?
– Wie immer, sagte Julia, nichts Besonderes.
Brutpflege, dachte sie und kramte eine Zigarette hervor. Brutpflege.
– Ach, Schatz, sagte ihre Mutter, bitte nicht im Wohnzimmer, du weißt doch.
– Ich weiß, Mama, sagte Julia und steckte die Zigarette wieder weg.
– Und jetzt laß uns richtig schmausen, in der Küche ist schon alles vorbereitet.

In der Nacht lag Julia im Bett ihres früheren Jugendzimmers und starrte an die Decke. Ihre Mutter war nach dem Essen zeitig ins Bett gegangen, und Julia hatte noch ein wenig Fernsehn geschaut: Irgendeine hektische Gameshow, in der Leute durch Kulissen rannten und herumbrüllten.
Nachdem sie den Fernseher abgeschaltet hatte und ins Bett gegangen war, war es im Haus völlig still geworden. Ihre Ohren summten, sie war Stille nicht mehr gewohnt. Vom Kleiderschrank her blitzten die Knopfaugen ihrer Stofftiere, die dort oben seit Jahren aufgereiht standen und den Glauben an ihre Rückkehr längst aufgegeben hatten. Die Stille lullte sie ein, sie wurde schläfrig und nahm noch einen Zug von der Zigarette. Von draußen war ein paar Frauenschuhe zu hören, das über das Pflaster klapperte.
Früher, wenn sie nicht einschlafen konnte, hatte sie immer nach den Schritten auf der Straße gelauscht, versucht die Schritte ihrer Mutter herauszuhören. Die Zimmertür zur Küche war angelehnt, und ein schmaler Lichtkegel fiel in den Raum. Sie hätte gern nach ihrer Mutter rufen können, daß sie ihr ein Glas Milch brächte. Sie wollte ihr Haar riechen, wenn sie sich mit der Milch über sie beugte.
Sie spürte einen stechenden Schmerz auf der Brust und schreckte aus dem Schlaf. Die glühende Zigarettenkippe rollte zwischen ihren Brüsten in Richtung Bauch. Hektisch versuchte Julia sie wegzuwischen und sprang aus dem Bett.
– Scheiße, zischte sie, Verfluchte Scheiße.
Die Zigarette kokelte den Teppich an. Julia hob sie auf und drückte sie im Aschenbecher aus. Sie blickte an sich herab und betrachtete die rote Brandwunde, genau in der Mitte über ihren Brüsten.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte war das Brandmal rosa und feucht vom Wundwasser. Vor dem Badezimmerspiegel klebte sie sich zwei Heftpflaster kreuzförmig über die Wunde und lächelte ihrem Spiegelbild zu:
– Schick siehst du aus, meine Süße, schick und verwegen.
Nach dem Frühstück fuhr sie in die Innenstadt, zum Flohmarkt auf dem Markusplatz, sie wollte nach Klamotten schauen. Als sie ankam, stand die Sonne noch tief und blendete sie. Also kaufte sie sich als erstes eine Sonnenbrille, ein großes, rundes Modell mit grünen Gläsern, mit dem sie aussah wie eine Schmeißfliege.
An den meisten Ständen war Gerümpel aufgehäuft: Wirre Klumpen aus verchromten Rohren und Wasserhähnen, die in der Sonne blitzten, Kisten voll fleckiger Bücher, die nach Keller müffelten, wenn man ihnen zu nahe kam, aufgereihtes, klebriges Plastikspielzeug, Puppen mit zerkratzten Augen. Und dazwischen ein Dreirad mit rotem, eingedellten Gestänge und schwarz-weiß getigertem Sattel. Sie blieb gebannt stehen: Genau so eines hatte sie von ihrem Vater geschenkt bekommen, als sie vier Jahre alt gewesen war. Das einzige Geschenk, das ausschließlich er allein, und nicht mit ihrer Mutter zusammen, gekauft hatte. Er war von einer Geschäftsreise zurückgekommen. Julia hatte ihn seit über drei Wochen nicht mehr gesehen und war ganz nervös vor Vorfreude gewesen, obwohl ihr Vater kein liebevoller Mann war. Sein Gesicht blieb meistens bewegungslos, und man konnte nicht in seinen Augen lesen. Den einzigen Gefühlsausdruck, den sie immer wieder erkennen konnte, war Mißmut. Nur wenn er ausreichend getrunken hatte, wurde er freundlich, fast sanft, aber er erlaubte sich selten mehr als ein bis zwei Glas Wein.
Als die Türglocke schellte, rannte Julia in die Diele, wäre beinahe über den Schirmständer gestolpert und riß die Tür auf. Was sie jetzt sah, war später in ihrer Erinnerung zu einem Standbild eingefroren, das ewig in der Kinderperspektive verharren würde: Die Beine ihres Vaters in dunkelgrauen Flanellhosen, in der linken Hand eine lederne Reisetasche, und in der rechten das Dreirad. Rotes Stahlrohr, getigerter Sattel und strahlend weiße Pedale.
Jemand tippte sie von hinten an.
– Julia, Mensch Julia, bist du das?
Sie drehte sich um und schaute in ein Gesicht. Weiblich, rote, lange Haare, bekannte Stimme.
– Hallo, Susanne, sagte sie.
– Mensch, das ist ja toll, sagte Susanne, das bist du ja wirklich. Wie lange ist das her?
– Schon ein paar Jahre, nehme ich an.
Julia musterte Susanne. Susanne war fett geworden. Schon vor 15 Jahren hatte sie eine Neigung zur Körperfülle gehabt, aber mittlerweile war sie teigig und aufgedunsen. Nur ihr Haar war schön wie früher: Rote, glänzende Locken.
– Gut schaust du aus, sagte Julia.
Susanne winkte verlegen ab.
– Ach nein, seit den Kindern...
– Du hast Kinder gekriegt?
Susanne lächelte trübsinnig.
– Zwei. Der Große geht schon zur Schule.
– Daß du Kinder kriegen würdest, hätte ich nicht gedacht.
– So ist das hier eben, sagte Susanne.
Sie gingen zusammen weiter über den Markusplatz. Julia betrachtete abwesend die Verkaufsstände, während Susanne ihr von den Kindern erzählte. Sie hörte nicht zu und steckte sich eine Zigarette an.
In ihrer ersten WG hatte sie mit Susanne zusammengewohnt. Sie kannte sie seit der Grundschulzeit. Susanne hatte sich verändert seit ihrer Kindheit. Unmerklich zuerst, wenn man von den Äußerlichkeiten absah, dann immer deutlicher. Es war ab und zu ein Flackern in ihre Augen getreten, das Julia anfangs für Interesse oder Begeisterung gehalten hatte. Aber das Flackern brannte sich bald fest. Susannes Stimme bekam etwas kratzendes, brüchiges.
Eines Morgens hatte Julia rauchend im Bett gelegen. Felix neben ihr schlief noch, er bewegte sich unruhig und schüttelte die Decke vom Rücken. Zwischen seinen Schulterblättern glänzte ein dünner Schweißfilm. Julia aschte ab und legte ihre Hand auf Felix Rücken, strich abwesend mit den Fingerspitzen hin und her, und schaute zum Fenster hinaus. Das morgendliche Licht schnitt zwischen den Blättern der Zimmerpflanzen hindurch und sprenkelte den Dielenboden. Die Tür wurde aufgerissen, und Julia wandte langsam den Kopf. Susanne stand im Türrahmen. Sie hatte einen roten Schlafanzug an, und mit den wirren, grellroten Haaren sah sie aus, wie eine wildgewordene Feuergöttin. Ein ganz leichtes, merkwürdiges Lächeln lag auf ihren Lippen. Felix schreckte aus dem Schlaf und richtete sich mit verquollenem Gesicht im Bett auf. Julia aschte erneut ab und schaute Susanne fragend an.
– Ich glaub es ist Krieg, sagte Susanne
– Was ist, fragte Felix tranig.
– Im Radio, sagte Susanne, da ist Krieg.
Julia drückte die Zigarette aus, und sah wieder zum Fenster hin. Der Himmel draußen schimmerte grünlich. Zuviel Radioaktivität, wahrscheinlich sind die Bomben schon in der Atmosphäre geplatzt. Das ist doch völliger Unsinn, Julia, dachte sie, reiß dich zusammen.
Felix lehnte sich an ihre nackte Schulter und tippte zaghaft auf ihr Brustbein.
– Was ist los? Was meint sie?
– Ach, sagte Julia wegwerfend.
Susanne trat einen zögernden Schritt ins Zimmer, sie strich mit flachen Händen die rote Schlafanzugsjacke glatt.
– Wirklich, sagte sie, und ihre Augen leuchteten, draußen ist Krieg, ich höre es schon die ganze Nacht im Radio.
Susanne legte eine Hand auf ihre Schulter, und Julia befand sich wieder auf dem Markusplatz. Sie drückte ihre Zigarette aus und rückte die Sonnenbrille zurecht.
– Im Übrigen, sagte Susanne, du kannst dich doch sicher noch an Annemarie erinnern.
Julia nickte. Annemarie war die lange, dünne Freundin von Georg gewesen, Felix bestem Freund in der Zeit, als sie selbst noch mit Felix zusammen gewesen war. Sie hatte Annemarie immer gemocht, aber völlig aus den Augen verloren, was in erster Linie an ihrem schlechten Gewissen lag: Sie hatte damals zwei, dreimal mit Georg geschlafen. Felix hatte nie davon erfahren, und sie hoffte, Annemarie auch nicht.
– Klar kenn ich die. Die Ex von Georg.
Susanne blieb stehen und schaute Julia an.
– Nicht die Ex. Die sind wieder zusammengekommen, vor ein paar Jahren, wußtest du das nicht?
– Nein, wußte ich nicht.
– Jedenfalls, Susanne breitete die Hände aus, Annemarie ist tot, vor einer Woche gestorben.
Julia verstand zwar den Satz, aber der Sinn kroch nur langsam in das Zentrum ihres Gehirns.
– Was?
– Naja, sagte Susanne, Annemarie ist zusammengebrochen, in ihrer Wohnung. Ich glaube Schlaganfall. Georg hat sie gefunden.
Julia wandte den Kopf ab. Der Verkäufer hinter einem Stand starrte sie an, er hatte schlechte Haut und war unrasiert. Über ihr flog eine Sportmaschine vorbei, die ein Werbebanner zog: "Es gibt badische und unsymbadische". Julia steckte sich eine neue Zigarette an.
– Hast du Georgs Telefonnummer, fragte sie.
– Klar, sagte Susanne. Das scheint dich ja richtig mitzunehmen. Ich wußte gar nicht, daß ihr so gut befreundet ward.
– Waren wir auch nicht.

Am Nachmittag rief sie Georg an und traf sich mit ihm in einem Tortencafé. Im Schankraum war außer Geschirrgeklapper und Omi-Getuschel nichts zu hören. Keine Musik, keine Espressomaschine, kein Gelächter.
Georg saß ihr gegenüber und spielte abwesend mit einem Streichholzbriefchen Er hatte sich kaum verändert: Sanfte Lippen, eine große Nase und Augen, die zu einem hundetreuen Blick neigten. Immerhin zeichneten mittlerweile ein paar feine Falten in den Augenwinkeln einen Kontrast.
Julia rührte in ihrem Kaffee und wußte nicht genau, was sie sagen sollte, also sagte sie:
– Das ist schrecklich, das mit Annemarie?
Georg sagte nichts, also sagte sie:
– Mein Gott, sie war doch so schön.
Sie redete kompletten Blödsinn zusammen. Ruhig Blut, Julia, dachte sie, erst denken, dann reden. Georg schien die Plattheiten nicht registriert zu haben. Er spielte weiterhin mit dem Streichholzbriefchen. Sie steckte sich angespannt eine Zigarette zwischen die Lippen. Hinter ihr summten die Omis über ihren Sahnetorten. Georg klappte das Briefchen auf und gab ihr Feuer. Er hatte schöne Hände, lang und knochig, aber nicht zu fragil – eher Möbeltischler als Klavierspieler.
Er ließ das Streichholz runterbrennen. Erst kurz bevor die Flamme seine Fingerkuppen erreichte, wedelte er sie aus. Sie stellte sich seine Hände auf ihren Brüsten vor, wie sie über die Brandblase strichen. Sie würden in ein Hotelzimmer gehen. Er würde sagen:
– Das geht nicht, ich hab kein Geld mehr.
Sie würde zwei Finger auf seine Lippen legen und sagen:
– Kein Problem, ich zahle.
Und dabei würde sie sich dumm vorkommen, der Satz würde sich falsch anhören.
Georg spreizte die Finger seiner Hände, legte sie zusammen und ließ sie knacken. Eine Omi hinter seiner Schulter schob sich ein großes Stück Torte in den Mund. Ein Kellner hinter dem Buffet ließ klingelnd etwas Trinkgeld in ein Glas fallen. Die Registrierkasse ratterte einen Beleg hervor.

 

 

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