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Florian Voß (Hrsg:): Fünf Lyriker aus der Anthologie „Fremde Fahnen – Vergessene Dichter der Moderne“, die im Herbst 2010 bei luxbooks erscheint

 

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Ernst Schur | Ernst Balcke | Johannes Theodor Kuhlemann | Georg Zemke | Rudolf Habetin

 

 

Ernst Schur

Geboren am 24. November 1876 in Kiel. Kurz darauf Übersiedlung mit der Familie nach Berlin. Dort Besuch des Joachimsthalschen Gymnasiums. Anschließend Studium der Jurisprudenz in Berlin und Freiburg. 1898 Referendarsexamen. Gab den Juristenberuf bereits 1900 auf und lebte fortan als freier Schriftsteller in Berlin. Heiratete 1905 die Malerin Ilse Schütze. Zog mit ihr nach Groß-Lichterfelde. Gestorben am 6. März 1912 ebendort.

 

 

Abend im Park

Und in den Strahlen spielt die letzte Sonne
So daß sie glühn wie Feuergarben
und wirbeln wie ein Spiel von Funken.

Kühl fließt die Luft auf grünem Rasen
Die Menschen gehen hin im Abend
Wie Schatten, still und stumm und leblos,

Als sähe keiner mehr den andern
und hätte Augen, die nach innen blicken
und ginge wie in einem großen Schweigen.

Es ist wie ein gedämpfter Reigen
und die Figuren sind wie ausgeschnitten.
Vergessen sind sie, wenn sie hingeglitten.

Da schluckt das Becken plötzlich. In den Rachen
stürzt jäh die Wassersäule, stürzt zusammen
züngelt nur noch und wallt in weißen Flammen . . .

Und zuckt noch auf . . ., um jäher zu ermatten.
Und nun ist Stille in dem Reich der Schatten.
Zu tiefem Sinnen lockt die Abendkühle.

1910

 

 



 


Die Fontäne

Aus rundem Rachen steigt die Wassersäule
Posaunengleich empor und donnert
Ruhlose Wucht, in blaue Luft geschleudert.

Und oben löst sie sich wie Schleier
die flutend stürzen, wehend wallen,
zitternd wie leichte Flocken fallen.

Die höchste Spitze ist wie grauer Rauch ––
Wirft zu den Abendwolken lockres Sprühn
die fernen Grüßen gleich am Himmel ziehn.

Es ruhen dunkle Gruppen rings am Becken
Und sie umspielt die wellenglatte Feuchte
Sie speien wie aus dämmernden Verstecken.

1910

 

 



 


Regen um Mitternacht

Eine lange Reihe
steht Droschke hinter Droschke an der Ecke
schwer zu Boden hängt dem müden Gaul
die nasse Decke
und der weite stille Platz träumt schon,
–– –– kaum erwacht,
träumt und starrt verloren in die Nacht ––

Finster steigt das dunkle Haus
ragend in die Nacht empor ––
–– –– aus dem weichen Dunkel
springt huschend schnell ein Licht hervor,
das in warmen Wellen
flutend
Farbe unter Farbe mischt –– ––
glüht und funkelt tief
–– –– –– verlischt

Die Laterne zuckt wie im Ermatten,
wirft erschauernd
ihre müde Schatten,
die die stillen schwarzen Streifen
zitternd auf das Pflaster legen,
–– –– –– schwinden . . . .
Und vom Himmel stäubt
fein und weich –– –– ––
der leise Regen –– –– ––

1910

 

 



 


Ernst Balcke

Geboren am 9. April 1887 in Berlin. Studierte Philologie in Berlin, Besançon und Edinburgh. Ertrank am 16. Januar 1912 beim Eislaufen zusammen mit seinem Freund Georg Heym in der Havel.

 

 

Die Selbstmörderin

Auf ihrer Brust klebt eine gelbe Kröte;
die regt sich nicht; ihr Purpurauge droht
voll Angst und Eifersucht tief durch die Röte
des schwülen Abends, der im West verloht.

Zwischen den schlanken, weißen Fingern blinken
die Kelche kaum entkeimter Wasserrosen,
grüngelbe Tange hängen in den losen,
aschblonden Haaren, die zum Grunde sinken.

Die kalten, blauen Lippen legen sich
wie Lapislazuli um ihre Zähne;
der scharfe Kiel eines der vielen Kähne
riß, rot wie Karmosin, tief einen Strich

Durch ihre Stirn. Schwer, langsam gleitet sie,
nicht Wind noch Welle sind da, die sie rühren.
Vom schlanken Halse bis herab zum Kinn
des Froschlaichs schwarze Fäden sie umschnüren.

Sie treibt zur Stadt. Gelbgraue Dünste kauern
wie fahle Hunde um des Himmels Rund.
Ein Dampfer rauscht; von ölig-schmutzigen Schauern
wird überschüttet ihr sehnsüchtiger Mund.

Zwischen verfallenen Häuserfronten windet
hindurch sich ihr einst heiß geliebter Leib.
Durchs Dunkel, horch, von höchsten Wonnen kündet
leis singend, irgend ein glückseliges Weib ––

Das Licht auf ihrer Haut erlischt. –– Den Nebel
wälzt aus den Brückenlöchern vor der Wind.
Von einem Dampferdeck bespeit ein Flegel
ihr süßes Antlitz, das im Grau zerrinnt.

Dezember 1910 / 1914

 

 


 

 


Geniesst den Frühling nicht. Ihr
schwachen Seelen,
der an euch brandet in verfemten
Stürmen,
gebt Euch dem Herbst, der sich an
steilen Türmen
wie Efeu rankt und träger Feuer
Schwelen.
Nie sollt Ihr sinnlos euch im Rausch
verschwenden,
nur welke Blätter, die der Herbstwind wirft
in Eurer dunklen Sehnsucht Arme, dürft
Ihr greifen, lässig und mit müden
Händen.

1914

 

 


 

 


Regen im Hügelland

Es ist des Weinens hier im Land kein Ende.
Der Aecker Schwermut trauert in den Regen,
und in des gelben Nebels Falten legen
sich alter Schnitter dürrgewordene Hände.
Dort, in des Hanges ausgewaschenen Rissen
rauschen des Regens trübe Wellen nieder,
bis sie am Rand des Hangs des Weges missen, ––
und klagend hallen aus der Tiefe wieder.
Doch als am traurigsten das Wasser klang,
ward´s still auf einmal. –– Da, ein Funke sprang
vom Himmel! –– Eine Kirchenglocke sang ––
und plötzlich stand das Land in weißem Brand.

1909 / 1914

 

 



 


Johannes Theodor Kuhlemann

Geboren am 4. November 1891 in Köln. Im Weltkrieg untauglich geschrieben. Nach 1918 Journalist und Musikkritiker in Saarbrücken. Später Rückkehr nach Köln. Arbeitete dort im Tabakmuseum des Freundes Josef Feinhals-Collofino. Gestorben am 9. März 1939 in Köln.

 

 

Der Auflauf

Im Anfang war es nur ein toter Hund,
ein krankes oder ausgetretnes Leben,
von kommender Verwesung laß und bunt.

Dann brach es auf wie ein zu warmer März
und ward ein Mund und spie das alles aus,
was in der Straße zuckte wie ein Herz
und irre Wellen schlug von Haus zu Haus
und schrie und tausend bange Köpfe hatte,
die trunken auf der Oberfläche schwammen,
und Leiber ohne Früchte, hungersatte,
und Hände, blau wie atemlose Flammen,
ein Herz, das flattert und sich bäumt und birst.

Und in der Häuser tiefen Augenhöhlen,
emporgespritzt zu ihrem steilsten First
sind Köpfe, Leiber, Tropfen aus der Flut,
und hängen über in das faule Leben,
das unten stirbt in seinem welken Blut.

Und allen sammelt sich im Blut der Schrei,
und alle Leiber brechen auf und gröhlen
und wollen ihren Schrei dem Himmel geben ––

und selbst der Himmel ist kein Trost dabei.

1913

 

 


 



Fabrikstrasse

Daß deinem Blut ein Weggenosse sei,
durch jene schwarzen Straßen dich zu leiten,
wo sich die Dämpfe der Fabriken breiten,
der Hämmer Pulsen und der Pfeifen Schrei.

Ein düster Heer in langer kalter Reih,
beschauen Schlote dich von beiden Seiten,
und wie Verbrecher durch die Wachen schreiten,
gehst du vorüber, stumm und vogelfrei.

Da träum ich oft: Es müssen Menschen kommen,
die diese Straßen wie ein Glück durchwaten,
die neuen Starken und die neuen Frommen,

die nur die Hände sind zu ihren Taten
und ohne Grauen wirken in der Nacht,
die uns zu atemlosen Blinden macht.

1913

 

 


 


Der Tod in der Transmission

Gemeine Uhren weisen nie auf Tod.
Doch die Fabrik regiert und treibt und sieht
gar manches Leben, das zu klein geriet.
Denn eine Stunde läuft sich heiß und droht.

Fühlt sie wohl der wie Hunger oder Not,
den sie am Riemen rasend aufwärts zieht,
bis er gekreiselt um die Achse flieht
und hohl und hohler wird. Der Saal wird rot,

von seinem Ende voll die leere Luft.
Da schießt er splitternd wie ein morscher Stein
durchs Fenster in den Straßentag hinein,

wälzt sich im Licht und stöhnt um seine Gruft,
beschrien von einer Zeit, die lachend kreist,
indes um seinen Kopf die Welt vereist.

1913

 

 



 


Georg Zemke

Geboren am 23. April 1903 in Berlin. 1920 bis 1923 Buchhändlerlehre. 1924 Kontorist in der Motorpflug AG, hiernach bis in die 40er Jahre Mitarbeiter des Verlag Dietrich Reimer, dann Soldat und Kriegsgefangener. Nach dem Zweiten Weltkrieg kurzfristig wieder als Buchhändler tätig. Schließlich bis zur Rente Lektor im Verlag der Nation. Todesdatum nicht ermittelbar.

 

 

Die Vernichtung

Mein Blick schwelt wie das satte Feuer auf verkohltem Holz,
wenn mich Trümmer meines Reiches anflehen,
und wie der höchste Schornstein bäumt sich mein Tyrannenstolz,
weil meine Straßen in das Weltall gehen.

Die Blitze meiner Wut sind grell und sieggewohnt.
Ich bin der Dampf in überhitzten Kesseln,
und wenn ich will, daß meine Macht auf Fetzen thront,
zerbeißen meine Zähne alle Fesseln.

Und jedes Krebsgeschwür, daß wie die Ratte nagt,
spei ich aus Übermut in eure Därme,
bis warmes Blut im Sturz durch eure Kehlen jagt,
und ich auf Trommeln eurer Qualen lärme.

Das Dynamit ist mir vertraut wie der Atomzerfall.
Ich bin in Fluten, wenn die Dämme reißen,
Und rasende Kometen tragen mich durch dieses All,
an denen Flammen, euch, wie Sterne gleißen.

Schon künden Telegraphen meinen letzten wilden Sieg
und hämmern auch die Angst in eure Hirne.
Ich aber sehne mich bereits nach Grausamkeit und Krieg
und stürze vor Entzücken die Gestirne.

1927

 

 


 

 


Büro um acht

Es fällt sehr schwer auf unser Nahen
und stiehlt uns den Geschmack der Nacht,
die tausend Wunder, die wir sahen. –– ––
Das Telefon ist aufgebracht.
Ein Lehrling muß an seinen Endspurt denken,
und der Kassierer spielt mit einem Scheck.
Die Schreibmaschine ruht in den Gelenken,
von meiner Hose glotzt ein Tintenfleck.
Das kleine Fräulein hat nicht ausgeschlafen.
–– –– –– –– –– –– –– –– –– –– ––
Ein Lungenkranker geht auf den Abort.
–– –– –– –– –– –– –– –– –– –– ––
Der Kontorist sieht einen fernen Hafen,
er schreibt New York und sehnt sich plötzlich fort.
Der helle Tag schminkt alle Fensterscheiben.
Ein Dach äugt schon nach einem Aeroplan. ––
Wir aber werden unser Blut verschreiben –– ––
„Mit Gott“ siehts uns aus jedem Hauptbuch an.

1927

 

 


 

 


Die Gasometer

Noch hat uns nicht ihr mörderisches Gas erstickt,
mit dem wir Sklaven ihre Bäuche mästen.
Nur Rache, die sehr schwarz aus ihren Augen blickt,
macht uns im Leben schon zu stillen Gästen.

Einst leckten sie wie Hunde an der Städte Saum,
wo die Chauseen in die Ferne flohen –– ––
die Städte selbst verpokerten an sie den Raum,
wo sie sich brüsten und uns jetzt bedrohen.

Sehr häufig geht durch eines aufgeschwemmten Bauch
ein feister Druck und wolkiges Behagen,
wenn Elend: Selbstmord nagt an einem Gummischlauch,
aus dem sie wie mit schwarzen Fäusten schlagen.

1928

 

 



 


Rudolf Habetin

Geboren am 21. September 1902 in Leipzig. Studierte dort und in Paris Literatur und Neuphilologie. Lebte bis zum Zweiten Weltkrieg im Erzgebirge, in Leipzig und Berlin. Nach vier Jahren als Soldat übersiedelte er erst nach Bamberg, dann nach Köln. Gestorben am 18. Februar 1986 in Köln.

 

 

Vor dem Gewitter

Tief senkt der Abend in den Park sich ein,
die Bäume treten angstvoll, blau gebückt,
ganz nah zu dir und sind doch weit entrückt,
zwar alles ist im ungewissen Schein

seltsam verwandelt, dir verwandt zu sein,
du bist verklärt, von seltnem Glanz beglückt,
doch schwer zugleich umdunkelt und bedrückt
von Zwitterlicht und jenem Anderssein,

in dem dich alle Dinge fremd umfragen,
die dir vertraut sind und dich doch verwirren;
dann bist du, wie an späten Sommertagen

die Kinder sind, die zaghaft heimwärts irren,
die ungewohnt im Zwielicht scheu erschauern,
wenn schwül im Westen Wolkenwände lauern.

1932

 

 


 

 


Mittagsstille am Strand

Dies sind die Tage voller Glanz und Glast,
an stiller See sich in den Sand zu schmiegen,
in Sonne eingesenkt und stumm zu liegen
und, ausgelöst aus eitler Tage Hast,

nur Himmel, Meer und Licht zu atmen, fast
als wären wir, wenn weiche Wellen wiegen,
in Gottes Harmonien eingeschwiegen
und ohne Grenzen, ohne Leid und Last

nur Sonnenstille, ohne Erdenschwere
und leichtbeschwingt, so, wie die Möven schweben,
wie weiße Wolken, an den Raum verloren,

ganz Gottes Frieden wieder heimgegeben,
zeitlos und ewig, ahnungsvoll, als wäre
man still gestorben –– oder nie geboren –– ––

1932

 

 


 

 


Verstörte Rast

Manchmal, in großen, fremden Städten hast
du schon, aus wirrem Traum erwacht, gelauscht,
nachts im Hotel, wenn leis der Lift noch rauscht,
und wußtest, überall bist du nur Gast.

Im Dunkel kreiste deiner Jahre Hast,
von ihrer Fülle warst du bang berauscht,
da du in so viel Kreise dich vertauscht,
und keinem ganz gehörst, der dich umfaßt.

Ein jeder kennt in dir nur seinen Teil,
was du dem bist und jenem, bist du hier.
Umdunkelt bleibst du, fremd sind deine Schritte,

nur du allein bist deiner Vielheit Mitte,
mit der du stirbst und die mit dir zufällt ––
Wohin gehörst du, da dich nichts behält ––?

1930

 

 

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