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Florian Voß: Zehn Gedichte aus dem Lyrikband Schattenbildwerfer – Gedichte, Lyrikedition 2000: München, 2007

 

 

Florian Voß. Schattenbildwerfer – Gedichte. Lyrikedition 2000: München, 2007. 90 S.

Zum Verlag Lyrikedition 2000

Leseprobe, PDF

  Schattenbildwerfer - Gedichte

 

 

 

Lichtbilder / Schattenprojektor

I

Zack Zack gezacktes Vaterbild
das zeigt die Nachkriegswelt
in einem Krähensommer
Der Vater ist so klein auf diesem Bild
man könnte ihn zerquetschen
Jetzt komm´ die lieben Fratzen
Da kriecht auch schon die Mutter
von links ins Schwarz-weiß-grau
Und da bin ich ins Bild gestellt:
Ein weiches Fleisch / Ein Kindergries / Ein Brei
Ein Lebkuchkörper-Jahrmarktsplatz
Und diese Achterbahnenfahrt
durch die Bildschleifen des Körpers
Dies Kinderlachen von den Mutterhänden
auf zweifach Kopfbreite gedehnt

II

Auf nach Legoland
da ist das Haus aus Fleischbausteinen
die Lumpenpuppen hautstreifen-gestärkt
Dein Schlund ist dort ein Abflußrohr
gefüllt mit Schweineborsten / Rindertalg
Das Lagerfeuer knistert auch gar lustig dort
und die Gitarren schnarren leis´


 


 

 

Piraten

Goldringe vergruben wir
in den Blumenkübeln der Kleinstadt
Fußgängerzonen-Piraten waren wir
mit den Händen zwischen Stiefmütterchen
Aus Mutters Schmuckschatulle hatten wir
gestohlen nur ganz ganz dünnes Blech

Um halbsechs war das Abendbrot
da gab es Sandkuchen und Schnaps
(Goldumhäkelt war der Abendrand)
Wir waren abgebrühte Diebesbande
auf dem Weg ins Lotterbett
Die Tagesthemen säuselten durch dünne Türen
die atomaren Gute-Nacht-Geschichten
Die alte Axt lag unterm Bett

Am nächsten Morgen war der Himmel
apokalyptisch ausgeleuchtet
ein Ölschlierbild aus einer Wäschetrommel
in Giftgrün und in Zyan und in dem
schönsten Bittermandelgelb
von durchgedrehten Hippiemädchen
zusammengeschmiert der Himmel
auf Gottes Flohmarkt dann verramscht
am Sonntagmorgen als Er ruhte

Im Eiscreme-Automaten
tickten unsre Geigerzähler
Im Grundigradio zur Mittagszeit
rasselten die Sturmgewehre

 

 


 

 

Fieber

Leicht ist es nicht am frühen Abend
wenn die Sonne auf dem Schreibtisch
schwer liegt, ein ausgegossener Kübel
gelbgetönter Rauverputz

Leicht war es nicht das Gelb zu tragen
das in Kindertagen durch das Fenster fiel
und sich aufspeicherte in meinen Augen
Davor die Schattenrisse meiner Eltern
große Menschen ganz aus Nacht gemacht

Und Nacht war auch neben den Augen
im Schlafraum meiner Schläfen
mein Kopf gefüllt mit Fieber
gespickt mit Fieberstern-Gegriesel

Ich seh noch heut die kalten Krankheitsströme
unter der Haut der Hände leicht pulsieren
in blauumschlossnen Adern
Und neben meinen Händen fließt
ein Sonnenstrahl in Richtung Brust

 

 


 

 


Brandung

Ich stehe im Sommer
und inhaliere die Vögel
Meine Lunge ist groß
Der Brustkorb des Himmels
ist mächtig und gelb
von Sonne und wachsweicher
Zeit – die Wespen summen
in meinen Ohrmuscheln sanft
Die Brandung des Himmels
Und Wolken reglos
in den Hemisphären
meiner seegrünen Augen

 

 


 


Morgenandacht

Dieser Geschmack auf der Zunge
nachdem du die U-Bahn verlassen hast
(diese Fahrt dieses Neon die Nerven)
Und dann am Morgen entlang
Der Himmel hat seine schwarzen Bänder
gelöst von den Stufen der Nacht

Dieser verschossene Tag
der Himmel ist eine Palette
mit falsch gemischten Farben

Und dieser Geschmack auf der Zunge
Diese Sehnsucht nach Brot
nach einem warmen Stück Weißbrot
belegt mit einer dünnen Schicht Nacht
schwarz und glänzend und süß

 

 


 

 


Frost I

Eine Kaltlicht-Imitation
aus Doktor Oetkers Kühlhalteparadies
ist diese zuckersüße Eiscreme-Welt
Und die schneeüberpuderten Bäume
in den Straßen stehen so verlogen da

Mein Kopf ein Wintergarten
Und draußen erfrieren die Tauben
Und gefrorene Hähnchen in Cellophan
fliegen über den Bäumen
Mich soll der Schlaf treffen

 

 


 


Frost II

In meinen Adern Frostschutzmittel
und die Wohnung so kalt
Der Winter krümmt sich
um die Stadt und drückt zu
Draußen vor den Fenstern
die Bäume so zartgliedrig
mit knisternden Blättern
die brechen zu eisüberkrusteten
Stückchen und rieseln zum
frostigen Boden rieseln sie lange
Unter der Hochbahn liegt die Luft
in klaren kalten Quadern

 

 


 

 


Neukölln I

Alle haben sie
mobile Telefone
die Datentöne
und das Feuer
in den Kopfrelais
Ich liebe dich
sagt eine SMS
sonst sagt keiner was
Die Mädchen wissen daß
es ihnen wichtig ist hier
Spaß zu haben heutzutage
Auf den Displays blinken
Hymnen aus
dem digitalen Psalter
Die Mädchen haben
Kopfschrittmacher
Sie schreien daß es ihnen
ziemlich gut gefällt

 

 



 

Neukölln II

Aus dem Haus gegenüber
saugt der Großbildschirm
den Himmel in die LCD-Kristalle
bis ein tiefes Schwarz dort hängt
Die Vögel spießen sich auf die Spitzen
der Antennen, die ruhig und kalt
vorm Weltall glitzern
In den Wohnungen haben Menschen
Bier und Wein und Satellitenschüsseln
in den Leibern – sie funken nächtelang
Befehle an die Amygdala
Ich steh am Fenster und löffel
Druckerschwärze in den Kopf
Gut wird es erst im Morgenmagazin

 



 

 

Neukölln III

Neukölln – Bezirk der tintenblauen Tätowierungen
an jedem zweiten Mann mit Haßfingern
an fetten Frauen, die die Herzen tragen
auf biergebleichten Oberarmen
Auf Abwegen flannieren Claudia Schiffers
minderjährige Cousinen
Am Rande spielen Gameboys mit Revolvern
an der Häuserecke beschießen sie sich
kleine Jungens – schweigend, freudlos
Eckkneipen husten alte Kunden aus
die Männer wanken still im Sonnenlicht

 

 

 

 

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