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Florian Voß: Zehn Gedichte aus dem Band Das Rauschen am Ende des Farbfilms – Gedichte, Lyrikedition 2000: München, 2005

 

 

Florian Voß. Das Rauschen am Ende des Farbfilms – Gedichte. Lyrikedition 2000: München, 2005.

Zum Verlag Lyrikedition 2000

  Das Rauschen am Ende des Farbfilms - Gedichte

 

O.T.

Mein Geburtshaus ist entkernt
Ich spreche keinen Dialekt

Zuhause bin ich ausgezogen
nach Hause kehr ich wieder ein

Das Mädchen und die Mutter
mit einem dunklen Blumenstrauß

Im Zug lehnt ich mich aus dem Fenster
und habe von der Luft gegessen

Sie war so kühl und bitter
sie schmeckte mir nach Rauch

 

 


 

 

Kammermusik

Ein geisterhaftes Spiel
sich in die Asche zu rieseln
An den letzten Funken
ein anderes Selbst erwärmen
Im Genick eine Unsichtbarkeit
den Hahn zwischen die Zeiten gespannt
Rost in der Haut
Jede Pore eine Kammer
In jeder Pore eine Kugel
In jeder Kammer Dunkelheit

In der Rückkoppelung des Erlöschens
(Am Ende des Farbfilms
Am Ende der Stereomusik)
– Ein Dopplereffekt des Ichs
Gezurrt das Geschirr
zwischen mich / zwischen mir
und dem auswändigen Ich
– Zerbrochen die Wände der Worte
Hohlkörper ohne Klang
– Zerbrochen bis auf die Fundamente

 

 


 

 


Tagelied III

Am Morgen
unter einem blanken Himmel
ist es ein Leichtes
dem Tod
in die Gedichte
zu schreiben
mit einem Stift
dessen Tinte leuchtet
Bald geht die Sonne auf
streckt sich
in die Häuserkanäle
und läßt das Grün
deiner Augen
noch grüner werden

Ein bestaubter Nachtfalter
die Flügel mit Sicherheitsnadeln
ruhig gestellt
starr und schön
Aschig bepudertes Grün

Später fahren
nervöse Wagen
aus Teltow-Fläming
unter seifigem Himmel
ohne Ziel Richtung Westen
Die Supermärkte an den Ecken
ziehen frische Kleidung an
Die morgendlichen Hunde
schleppen müde
ihre Herren durch die Straßen
Niemand erwacht um halbsechs
Alle schleifen sie nur
mit gläsernen Augen
ihr Schicksal zur U-Bahn-Station

 

 


 



PulsSchlag

Fettgeblasene Nacht
Das Metallgeknatter des Himmels
und unverständliche Bilder
auf den Augen, in den Augen, dahinter
aufgehängt zwischen den Vorstellungen
die den Kopf zusammenziehen und auseinanderdrücken
Und das RedeRäderwerk der Münder
Und ein Beat / Noch ein Puls
Den Lufttrichter ins Ohr gesteckt – um die Musik
und das Klirren und das Rauschen / Kein Tonstreifen mehr
Kein Rasseln in der Blendungsmaschine
– Wenn mein Herz ein Lichtapparat wär
der Sonnenflecken spuckt / Und Schatten Und Schatten
– Ein stotternder Film auf der inneren Brustwand

Zwischen den zerkratzten Gesichtern
schwerer Vinylplattenbeat im Pumpwerk der Nacht
Und schließlich der Mond – zerteilt vom Fensterkreuz
hinter dem die Straße schweigt

 

 


 

 


Betrachtungen im Holozän

Die Zigarette ins Sauriergebiß geklemmt
schärfe ich mit dem Buttermesser
meine Eidechsenkrallen
herübergerettet aus dem Mesozoikum

Die Leuchtschrift auf den Häusern
blinkt Trias, Jura, Kreide
blinkt Trias, Jura, Kreide

Roter Ocker auf den Beinen
Weiße Asche auf der Stirn

Die trüben Affenaugen brachte ich
ins Holozän, und sah mit ihnen
den Rauch der Zigarette kräuseln
in Schlangenpfaden hin zur Decke

Die Regentropfen schlagen
auf das Fensterbrett den Rhythmus
Plio- Pleisto- Holozän
Plio- Pleisto- Holozän

 

 


 



Seemannslied

Die Taxen dümpeln leicht
auf rotgefärbtem Laub
Gondeln vor dem Hauptbahnhof
Die Fahrer haben sich die Mützen
verschlafen auf das Ohr geschoben
Die Köpfe pendeln hin und her
zum sanften Klopfen der Motoren

Der Sextant liegt im Handschuhfach
Die Bäume setzen Segeltuch
Die Blätter rauschen Abschiedsworte

Die Fahrer halb im Schlaf ertrunken
blinzeln übers rote Laub
Die Küste ist schon weit entfernt

 

 


 



Brüssel

Hier wächst der Prunk
und klettert an den Hausfassaden
bis an die Firste über denen sich
der Himmel streckt und knackt
wie ein Gerüst aus Schulterblättern

Hier trinken Wermutbrüder Wermut
und murmeln leis Merci beaucop
zu jedem greisen Pflasterstein

Hier gibt es Plätze die nur flüstern
vom Lebenslauf der Roßkastanien
An einem dieser Plätze scheint
die Sonne in das Hospital Artaud
Gesundheitsstätte – Sanitaire mentale

Hier im Hotel liegt gelbes Licht
auf schattengelben Zimmerwänden
Scherenschnitte vieler Fenster
ausgeschnitten von der Sonne

 

 





Wind

Ich fraß im Traum
Berge von Fleisch
Berge von Fleisch
fraß ich im Traum
und lächelte dabei

Der Wind vorm Haus
rauh und roh
fegte die Bilder aus
fegte die Höfe aus

Ich saß im Traum
zwischen den Wänden
rauh und roh
aus gelbem Klinker

Ich saß und fegte
mir die Bilder aus
rauh und roh das Fleisch
in meinen Händen

 

 


 


Sonne

Wenn wir einmal alt sein werden
könnten wir die Falten zählen
auf den Blättern auf den Gräsern
einer Wiese die vorm Haus
langsam sachte Wellen schlägt
Und die Sonne auf den Wolken
ist gefüllt mit Licht und Trubel

Wenn wir einmal sterben werden
werden wir ans Haus uns schmiegen
und die warmen Bretter spüren
in den Rücken in den alten
und die Sonne auf den Planken
der Terrasse zu den Füßen
unserer Körper ja die Sonne
wird uns scheinen in die Augen
und uns blenden und das weiße
Rauschen brennen in die Herzen
die uns so verknittert liegen
in den hochgezurrten Leibern

 

 


 

 


Handlinien

Draußen blühen die Kirschen
aber nicht in deinem Hinterhof
da tippeln die Tauben
zwischen den Steinen
und suchen nach Brot
Das Brot liegt im Kasten
in der Küche der Kindheit
neben Öl, Wein und Salz
Sonnenblumenöl ist das
und Sonne scheint auch
durch die verhangenen Fenster
Gardinenverhangen, sonnengelb
Sonntagmorgens um Neun

Der da steht in der Küche bist du
im Alter von zweieinhalb Jahren
und du prüfst mit der Hand
der kleinen, auf der noch kaum
die Schicksalslinien eingegraben sind
prüfst du die glänzende Fläche
Derweil Mutter und Vater noch
schlafen im Schlafraum
dem wassergrün schattigen
Derweil du prüfst mit der Hand
das heiße Metall der Platte mit der
Hand das Plätteisen heiß sagt
es in dir, es ist heiß, das bin ich

 

 

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